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#reisen#verlust#normalanders

150 Kilometer mit nur einem Bein

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150 Kilometer mit nur einem Bein | story.one

Wie jeden Morgen kommt Papa Pierre früh mit seinem Fahrrad in die Arbeit. Und wie immer begrüßt er mich mit einer Seelenruhe, wie ich sie sonst bei Niemandem kenne. Pünktlich beginnt er zu arbeiten und wie jeden Tag hüpft er vom Fahrrad auf seinen Holzstuhl und richtet sich das Mikroskop her.

Papa Pierre ist Laborant in unserer Krankenstation und ist daher einfach unabkömmlich bei uns. Jeden Tag sehen wir aufs Neue wie immens wichtig das ist, was er tut und welch ein großes Wissen er mit sich bringt.

Bei uns im Kongo läuft das folgendermaßen ab: Wenn jemand krank ist, kommt er zu uns in die Krankenstation, lässt sich von unserem Krankenpersonal untersuchen und diese verschreiben dann bestimmte Labortests, die der Patient machen muss. Das Labor ist gleich nebenan und die kranke Person besucht dann darin Papa Pierre, der sogleich das Blut oder was auch immer benötigt wird, abnimmt. Dann macht Papa Pierre die verschriebenen Labortests, von Malariatest über HIV, Stuhluntersuchung bis zu Blutgruppenbestimmung und vieles mehr. So einiges ist ihm möglich und all das ohne einen Funken Strom.

Papa Pierre ist aber nicht nur unser Laborant, sondern auch ein guter Berater für all unsere MitarbeiterInnen. Egal ob Eheprobleme, Streitigkeiten zwischen Kollegen oder Fragen der Organisation oder Logistik – Papa Pierre bleibt absolut immer ruhig und hat jedes Mal eine passende Lösung parat.

Privat lebt er in seiner Lehmhütte mit seinen vier Kindern und seiner Frau Henriette. Die Familie wohnt etwa sechs Kilometer von unserem Gelände entfernt und so hat er täglich eine weite Fahrt mit dem Fahrrad vor sich und das mit nur EINEM Bein!

Vor langer Zeit verlor Papa Pierre sein komplettes rechtes Bein. Aber das hielt ihn alles andere, als ab das zu tun, was er tun wollte. Er schloss seine Schulbildung mit Bravour ab und wurde zum besten Laboranten in Tshumbe. Er lernte seine Frau kennen und gründete eine liebevolle Familie. Und auf Reisen geht er natürlich auch, denn wenn er nach Lodja will, um ein paar Einkäufe zu tätigen oder seine Verwandtschaft zu besuchen, so fährt er einfach los mit seinem Fahrrad.

Lodja ist 150 Kilometer von Tshumbe entfernt und nur durch eine, in der Trockenzeit äußerst sandige und in der Regenzeit enorm matschige und holprige, Sandstraße passierbar. Für Papa Pierre ist das alles kein Problem – er fährt durch den Dschungel, über die Savanne, hebt sein Fahrrad in das Kanu und fährt wieder weiter so lange bis er in Lodja ankommt. Mit dem Auto brauchen wir für diese Strecke etwa sechs Stunden, so kann man sich in etwa vorstellen, wie die Straßenverhältnisse sind. Doch Papa Pierre hat seine eigene Fahrtechnik entwickelt und ist gar nicht langsamer als so manch andere Fahrradreisende der Region.

Ich finde es bewundernswert, wie Papa Pierre sein Leben meistert und wie er nie auch nur eine Sekunde jammert. Er ist glücklich so wie er ist und eine Bereicherung für unser gesamtes Team sowie ein großes Vorbild für Viele!

© WaaleWaana 2021-08-15

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