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#krebs#engel#vergissmichnicht

Ein Engel kämpft ums Überleben

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Ein Engel kämpft ums Überleben | story.one

Ich erinnere mich noch an Angel, als wäre es gerade gestern gewesen. Immer noch spüre ich den Geruch des Todes in meiner Nase, wie ich dadurch kaum atmen konnte, wie ich mir in ihrer Gegenwart nichts anmerken ließ und wie ich Abends in meiner Lehmhütte heulte, weil ich einfach nicht verstand, warum Angel und so viele andere Menschen im Kongo solche Grausamkeiten erleben müssen.

Es war im Februar 2015. Ich machte gerade einen Hausbesuch bei Mama Bibi, deren Baby nur knapp überlebte. Als ich schon wieder mit dem Fahrrad heim fahren wollte, kam eine magere Frau zu mir und bat mich: “Mama Manuela, mein Kind ist krank und braucht Hilfe. Bitte, schau dir mein Kind an.“ Ihre Lehmhütte war neben der Behausung von Mama Bibi. Natürlich ging ich mit der Frau mit und dachte mir, dass ihr Kind wahrscheinlich Malaria hatte, so wie die meisten hier. Langsam öffnete sie den Bretterverschlag und wir traten in ein etwa sechs Quadratmeter großes und dunkles Zimmer ohne Fenster. Sofort traf mich eine so starke Geruchswelle, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Es war der Geruch des Todes und der Geruch von verwesendem Fleisch. Da wusste ich, dass ihre Tochter etwas viel Schlimmeres als Malaria haben müsste. Das Zimmer war leer, es befand sich absolut gar nichts darin. Nur im rechten Eck lagen ein paar dreckige afrikanische Stoffe und darunter ein zusammengekauerter Mensch. Angel war ihr Name. Sie lag am Boden und der Stoff verdeckte ihren ganzen Körper, sodass ich zunächst nur eine Gesichtshälfte erkennen konnte. Angel's Hautfarbe war heller als die meine, sie war eine Albinofrau mit etwa 20 Jahren. Als ich näher trat, musste ich fast meinen Atem anhalten, da der Geruch einfach nicht auszuhalten war. Sie zog den Stoff von sich und zum Vorschein kam offenes Fleisch, das sich über die ganze Wange, über ihren Mundwinkel und sogar über ihr halbes linke Auge erstreckte. Haut war nicht mehr zu sehen, nur Fliegen, die sich immer wieder auf das Fleisch setzten. Angel lag hier bereits seit drei Jahren, die Familie konnte sich keine medizinische Behandlung leisten. ”Ab und zu kaufe ich eine Tablette Paracetamol, mehr geht sich nicht aus“, sprach die Mutter.

Angel hatte offensichtlich Hautkrebs. Als ich vor ihr stand, war es für mich klar, dass ihre Überlebenschance sehr gering war, aber trotzdem nahm ich mir vor, alles zu tun, damit es ihr besser ging oder zumindest, dass sie die Schmerzen nicht mehr so spürte. Ich lernte noch den Rest der Familie kennen: Angel's fünf Geschwister und ihre vierjährige Tochter, Pauline. Unser medizinisches Team versorgte die junge Frau von nun an umfangreich. Nach ein paar Wochen verlor sie jedoch ihren Kampf. Für uns war dies sehr tragisch, aber gleichzeitig wussten wir, dass sie nun von ihrem Leid erlöst war. Und wir waren froh, dass wir ihr den letzten Weg ein bisschen erleichtern konnten und ihre letzten Wünsche erfüllt haben: Einmal noch Hühnchen essen und uns um Pauline kümmern, die wir in unserem Kindergarten aufnahmen!

© WaaleWaana 2021-02-22

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