skip to main content

#whatislove#normalanders#normalistanders

Hexenkind

  • 303
Hexenkind | story.one

Es war ein ganz normaler Tag im Herzen des Kongos. In unserer Krankenstation war wieder viel los und wie jeden Tag marschierten Menschen ĂŒber 50km zu Fuß, um bei uns eine medizinische Behandlung zu erhalten. Abermals öffnete sich das Tor zu unserem GelĂ€nde und eine Frau mit einem ca. sechs Jahre alten Jungen kam zu uns. Dann begann sie die Geschichte von dem Jungen, namens Shako, zu erzĂ€hlen:

“Das ist Shako, er ist allein und er hat niemanden. Ich bin seine Nachbarin und muss nun in ein anderes Dorf ziehen, aber ich kann ihn nicht mitnehmen, deshalb bin ich zu euch gekommen, um Hilfe zu finden. Shako's Zwillingsbruder spielte als Kleinkind neben der Feuerstelle auf der gerade Wasser kochte. So kam es, dass der Topf umfiel und ihn das heiße Wasser verbrannte. Durch die fehlende medizinische Behandlung starb Shako's Bruder qualvoll. Nach ein paar Monaten starb auch das ungeborene Baby im Bauch der schwangeren Mutter und daraufhin auch die Mama von Shako. Im selben Jahr folgte der Tod seiner Großmutter, durch einen epileptischen Anfall. Ob der Vater von Shako noch lebt, weiß keiner, da die Mutter vergewaltigt wurde oder mit dem Mann schlief, damit sie eine Portion Reis erhielt. Shako verbrachte die NĂ€chte von da an oft am Markt unter den Tischen zwischen dem MĂŒll und war völlig allein.”

TĂ€glich höre ich hier im Kongo so viele Geschichten, die von Leid geprĂ€gt sind, aber bei dieser musste ich mir die TrĂ€nen unterdrĂŒcken. Noch wĂ€hrend wir Nachforschungen durchfĂŒhrten, wollte einer meiner Mitarbeiter aus Tshumbe Shako in seiner Familie aufnehmen, darĂŒber strahlte Shako sehr. Aber schon nach ein paar Test-Tagen kam mein Mitarbeiter namens Jean-Marie völlig verzweifelt zu mir: "Mama Manuela, es tut mir so Leid, aber ich kann Shako doch nicht behalten.” Jean-Marie erzĂ€hlte mir, wie Shako den ganzen Tag ĂŒber sprach, dass er ein Hexenkind sei und seine Familie ermordet hĂ€tte. Wenn er mit den Kindern von Jean-Marie spielte, erzĂ€hlte er ihnen, dass er ihre HĂ€nde abhacken und kochen wĂŒrde. Als ich Shako erklĂ€rte, dass er ein lieber Junge sei, antwortete er nur: “Nein, ich bin böse! Ich bin ein Hexenkind!”

Lang sprach ich mit Jean-Marie darĂŒber, aber verstand, dass er Angst um seine Kinder hatte, da er mit diesem Hexenglauben aufgewachsen ist. Auch mit meinem restlichen Team und den Bezugspersonen unserer Kindergarten- und Schulkinder folgten viele GesprĂ€che, da alle in der Region an Hexerei glaubten und vor “Hexenkindern” Angst hatten.

Nach einer Weile meldete sich eine Ă€ltere Frau, die Shako bei sich aufnahm. Sie wohnt in einer winzig kleinen LehmhĂŒtte in Tshumbe und hat selbst nicht viel. Doch das Allerwichtigste besitzt sie: ein großes Herz! Sie sieht Shako als einen tĂŒchtigen, freundlichen Jungen und ist froh, dass sie nun jemanden hat, der sie bei kleinen Arbeiten unterstĂŒtzt. So ergĂ€nzen sich die beiden hervorragend! Mittlerweile besucht Shako seit fast zwei Jahren unsere Schule und alle haben bemerkt, dass er einfach ein KIND ist!

© WaaleWaana 2020-12-22

whatislove

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich ĂŒber Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.