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Der schwarze Gast / 5. und letzter Teil

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Nach diesen Worten lehnt sich unser Gast zurück, überkreuzt die Arme und reckt den schwarzen Bart vorwärts.

“Ja, damit schließt die Geschichte, denn von diesen Booten kehrte kein einziges wieder. Das Schicksal des Königs und seiner Begleiter ist unbekannt.”

Wir meinen, eine offene Frage dürfe nicht das Ende einer Geschichte sein.

“Aber warum denn nicht?” antwortet der Fremde mit gespielter Einfalt. Erstens wüssten wir doch heute, dass niemand über den Atlantik rudern kann, zweitens sei schließlich alles eine offene Frage … aber wir könnten uns immerhin damit trösten, dass letzten Endes nichts verloren geht.

Wir wenden dagegen ein, dass doch schließlich im Lauf der Zeit alles verloren gehe, aber er schüttelt nur den Kopf und meint, das Einzige, was im Lauf der Zeit verloren gehe, sei die Zukunft. Denn die unendliche Vielfalt aller Möglichkeiten verwandelt sich im Augenblick der Gegenwart in Realität, in ein unumstößliches So-und-nicht-anders-Sein, das für immer besteht. Dann nickt er uns freundlich zu, entrollt seinen Schlafsack, schält sich aus der schwarzen Ledermontur und legt sich behaglich auf die angebotene Matratze. Es dauert nicht lange, und er schnarcht. Es klingt wie: “schwarrrrrrz, schwarrrrrrz, schwarrrrrrz.”

An eigenen Schlaf ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Ich setze mich ans Fenster und schaue dem Mond in die bleiche Sichel, inmitten von Sternen sonder Zahl wie ein flüchtig hingeworfenes Fragezeichen. Die Erzählung unseres Gastes will mir nicht aus dem Kopf. Mit einem hat er wohl recht: Allzu sehr sind wir gewohnt, immer das zu finden, was wir erwarten. Im Grunde finden wir daher auch nichts anderes. Wir kennen heute jeden Punkt der Erde und finden ihn in Google earth. Wir wissen auch, dass der Ozean nichts anderes ist, als eine Ansammlung von Salzwasser, dass es Ufer und Grenzen gibt und dass der Begriff der Unendlichkeit hinsichtlich seiner Anwendbarkeit auf Zeit und Raum fragwürdig geworden ist.

Die Welt wird an Geheimnissen und Abenteuern ärmer und ärmer. Und was wir an Wissen gewinnen, verlieren wir an Ahnung: Wir haben keine Ahnung von der Welt.

© walter reichel 2021-10-14

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