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#erfahrungmagieveränderungliebeenttäuschungeinsamkeit#paradiesisch

Spaziergang nach Shangrila

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Shangrila, so sagt man, sei nichts als ein erfundener Sehnsuchtsort, eine Welt, die immer gesucht und nie gefunden wird. Denn um sie zu finden, müssten wir alle Träume zu einem einzigen Traum zusammenkneten, einen Vogel daraus formen, der uns tragen könnte, wenn es gelänge, ihm Leben einzuhauchen, ihn zu zähmen, ihm das Zielwort ins Ohr zu flüstern: Shan - gri - la …

Und freilich, dazu tauge ich nicht. Niemand kann einen solchen Wundervogel erschaffen, deshalb beschäftige ich mich mit alltäglichen Arbeiten, die ihren Sinn in sich selber tragen.

Und dann gelingt es doch. Unerwartet. Ohne Absicht, ohne mein Zutun, in einem Augenblick der vollkommenen Selbstvergessenheit.

Ich höre das Sausen der Schwingen, halte mich fest im Gefieder; tief unter mir purpurne Bäume, goldene Dächer, flimmernde Flussläufe und eingesprenkelte Seen, die den Himmel betrachten als wären sie offene Augen, und Teegärten auf steinernen Terrassen und abgesonderte Eremitagen.

Der Flug dauert an, bis der Tag zur Neige geht. Nun landet mein Wundervogel und setzt mich am Rand eines Wasserfalls ab, ein wilder Schrei, heiser und scharf aus offener Kehle, schon ist er entflogen.

Nun weiter zu Fuß, durch Sand und Gras, entlang des Baches, schon kommt mein Ziel in Sicht. Ich nähere mich der geschmiedeten Pforte, niemand begleitet mich, niemand hindert mich, das Tor ist unbewacht. Da öffnen sich vor mir die Gitterstäbe und gewähren Zutritt zu einer Welt, in der alle diese alten Verheißungen sich endlich erfüllen, dass Lust und Seligkeit ohne Grenzen sind.

So wie gesteigerte Lust zu Schmerz wird, kann der übergroße Schmerz wieder in Lust umschlagen - und diese höchste Lust ist unerträglich. Deshalb ertrage ich den Himmel nicht, nicht die Ewigkeit, nicht die grenzenlose Liebe, nicht die schrankenlose Freiheit, nicht das ungetrübte Glück, nicht die reine Poesie, nicht die absolute Schönheit, kein irdisches und kein überirdisches Paradies. Deshalb kehre ich um. Deshalb gehe ich zurück.

Die Gitterstäbe der Pforte von Shangrila schließen sich hinter mir mit einem harten, metallischen Krach, als wären alle Töne der Welt zu einem einzigen Misston zusammengepresst, der die Schallmauer der Zeit durchbricht. Niemand öffnet diese Pforte ein zweites Mal. Nun ist es dunkel. Was höre ich? Das muss der Wasserfall sein. Sein Rauschen ist das Blut in meinen Adern. Der Himmel ist leer. Kein Wundervogel trägt mich nach Hause.

© walter reichel 2021-05-04

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