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Die letzte Bahnfahrt

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Die letzte Bahnfahrt | story.one

Wie jedes Mal, sitze ich auch diesmal in der Bahn, die mich direkt zum Endpunkt fährt. Wie jedes Mal, ist es auch an diesem Tag, später Abend. Doch das ist meine letzte Fahrt. Ich habe einen anderen Job angenommen und werde nicht mehr mit der Bahn fahren müssen. Es schmerzt, denn, obwohl ich die Leute in meinem kleinen Abteil nicht kenne, werde ich sie trotzdem vermissen.

Da ist zum Beispiel der alte Mann, der immer am Fenster sitzt mit seinem Krückstock und, so scheint es mir, in Erinnerungen schwelgte.

Oder die Frau, die neben mir sitzt und jedes Mal im Buch liest während ich meine Musik höre, aus dem Fenster gucke oder die Menschen beobachte.

Außerdem gibt es da noch zwei ältere Frauen, die sich immer ausgelassen unterhalten, sodass ich meine Musik immer lauter machen muss, weil mich ihre Themen so gar nicht interessieren. Mode.

Ein paar Sitze vor mir, sitzt auch ein Mädchen mit bombastischen Kopfhörern auf dem Kopf, den Kopf bewegt sie immer zur Musik. Sehr amüsierend.

Und dann gibt es da noch den einen besonderen Typen, der mir schräg gegenüber auf der anderen Seite des Ganges am Fenster sitzt. Ich beobachte ihn jedes Mal von meinem Fenster aus, denn es spiegelte sich alles durch die Dunkelheit und dem Licht in der Bahn so schön.

Ich schaue ihn jedes Mal genau an. Seine dunkelblonden Haare und seine braunen Augen passen wunderbar zusammen. Ich kenne ihn aus der Schule, habe ihn ein Jahr lang gesehen, aber seinen Namen kenne ich nicht, trotzdem wünsche ich mir jedes Mal, dass er mich am Endpunkt fragt:,Darf ich dich begleiten? Ein Mädchen sollte nicht alleine in der Dunkelheit nach Hause gehen." Aber jedes Mal, wenn ich aussteige, tickt mir niemand auf die Schulter, nur einmal, als ich meinen Regenschirm in der Bahn vergessen habe, hat mich meine Sitznachbarin daran erinnert und mich angepickt.

Auch dieses Mal hoffe ich, dass er mich anspricht, weil es die letzte Bahnfahrt ist, die ich noch mit ihm habe. Wir nähern uns dem Endpunkt. Noch drei Stationen. Noch zwei. Noch eine. Gleich werden wir alle aussteigen. Ich hoffe so sehr.

,,Endpunkt. Fahrgäste bitte aussteigen."

Der Wagen hält und die Türen öffnen sich. Ich stehe auf und gehe aus dem Wagon um den Heimweg anzutreten, doch plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter. Ich nehme meine Kopfhörer aus meine Ohren und drehe mich gleichzeitig um.

,,Du hast das hier vergessen.", vor mir steht mein besonderer Junge und hält mir.…meinen Regenschirm hin. ,,Oh Dankeschön", sage ich freundlich und verfluche diesen Schirm, weil er mir ständig aus der Tasche fällt.

Der Junge lächelt und geht wieder. Er sagte nicht diesen einen Satz, den ich mir so sehr wünsche und so muss ich den Weg in der Dunkelheit alleine gehen. Ich drehe mich um und gehe. Tränen bahnen sich aus meinen Augen. Mein Herz schmerzt.

Das war die letzte Bahnfahrt.

© wenn_clausi_schreibt 2020-10-25

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