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#erfahrung#handwerker#vatersohnbeziehung

einen Kurzen, bitte

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einen Kurzen, bitte | story.one

Vielleicht erging es dir schon mal genauso wie mir im Leben. Ein neunmalkluger Vater kommt daher gestapft und erklärt dir den lieben, langen Tag, wie der Hase läuft: Was du nicht alles erlernen solltest, dass ein Taschenmesser (MacGyver) dir das Leben retten kann, dass man Steckdosen nur versetzt und tauscht, wenn der Strom auch wirklich abgeschaltet ist, dass Russisch die viel wichtigere Sprache ist und dass die Knickerbocker nie aus der Mode sein wird. Ja, mein Vater war ein Romantiker der alten Schule, eindeutig! Er verstand viel von Technik und Elektrik, immerhin war er ja auch ein gelernter Elektriker. Wenn man aber einen Vater, der auch gleichzeitig Elektriker ist, bittet ihm bei einem Steckdosenproblem zu helfen, darf man erstmal warten. Und man wartet und w… bis es einem reicht und man es selbst versucht, damit es endlich erledigt ist.

Als kleiner Bub ging ich liebend gern zu ihm in den Keller. Dort hatte er seine Werkstatt. Bilder von nackten Frauen hingen dort. Die Werkstatt war kreuz und quer gefüllt mit Werkzeugen. Da gab es Hämmer und Schraubenzieher, Holz und Metallsägen, Bohrer und Klemmen, Dübeln, Schrauben, Nägel, Drähte und noch viel mehr an Zeugs, das nur er brauchte. Und er brauchte tatsächlich viel davon. Er schraubte und werkte oft stundenlang in der Werkstatt und ab und zu beobachtete ich ihn dabei. Eines Tages stellte er mir ein komisch aussehendes Teil vor die Nase und sagte: So Düse, jetzt bist du dran. Er drückte mir einen Kreuzschraubenzieher in die Hand und stellte sich hinter mich. Wie eine Wolke hing er über mir, um mit Argusaugen zu beobachten, was ich nun anstellen würde. Mit dem Kreuzdingsdazieher in der Hand, versuchte ich das Teil zu zerlegen, oder es irgendwie zu öffnen. Nichts dergleichen gelang mir. Schließlich griff ich zum Hammer und dreschte auf das Metalldingsbumsteil ein, bis es sich in alle Richtungen verbogen hatte. Stolz und zufrieden sah mein Vater nicht aus, aber ganz unzufrieden war er auch nicht mit meinem Lösungsansatz. Von da an durfte ich mehr zerstören und wüten als reparieren und zusammenbauen.

Wenn man dann 15 ist und immer noch wartet, reicht es einem irgendwann mal. Ich ließ mir von ihm erklären, was ich zu tun hätte und machte mich sofort ans Werk. Natürlich war ich grantig auf ihn, weil er so beschäftigt war und natürlich wollte ich ihm mitten in meiner Pubertät zeigen, dass ich es auch alleine drauf habe. Also Schraubenzieherschlitzbumsdings hinein in die Dose und gekonnt nach links gedreht bis das kleine Schräublein rausplumpst. Dann das Plastikteil weggemacht und munter drauflos geschraubt. Ich war grade mitten im Arbeitsflow. Ihr kennt das sicherlich. Alles läuft super, du denkst an nichts Böses und plötzlich macht es: Wuuuuuuusch. Deine Finger zucken noch kurz nach und es ist stockdunkel in deinem Zimmer.

Ist alles in Ordnung?, höre ich die Stimme meiner Mutter.

Leicht zittrig steige ich die Treppen hinab. Glaube schon, es hat brrrzzt gemacht und dann war es dunkel.

© Weudl 2021-02-23

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