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#andersartig#normalistanders

Metamorphose meiner Selbst

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Metamorphose meiner Selbst | story.one

Am Anfang war da einfacher Junge.

In meiner eigenen Welt lebend, lebte ich meinen eigenen Traum. Ich war entschlossen und selbstsicher, war weder Mitläufer noch Anführer. War nicht allein und trotzdem mit mir beschäftigt. Ich war ein klassischer Jugendlicher, der in einer Selbstfindungsphase steckte. Der ersten innerlichen Aufbegehrung gegen die väterliche Dominanz stand die gesellschaftstaugliche Akzeptanz gegenüber. Inmitten dieses Dilemmas versteckte ich mich in der Straßenbahnlinie 60. Die Hietzingerherzenslinie führte damals noch von Rodaun bis zur Kennedybrücke. Hier war ich sicher, beobachtete die zusteigenden Fahrgäste und beanspruchte mit meiner Trainingstasche immer einen Sicherheitsplatz neben mir. Meine eigene Komfortzone sozusagen. Eines Tages machte mich ein älterer Herr mit seinem Stock auf etwas aufmerksam. Der Stock tippte immer wieder gegen mein Schienbein und als ich aufsah und in dieses runzelige Gesicht starrte, starrte ich fast schon in mein Spiegelbild. Ich nahm meine Kopfhörer runter und nun endlich verstand ich, was er mir sagen wollte. Zwar war die Bim so gut wie leer, doch hätte er gern den Platz neben mir. Widerwillig nahm ich meine Tasche von der Bank und ließ den runzeligen Genossen neben mich Platz nehmen. Ich roch sein Alter und auch den Stoff seiner Kleidung. Es roch leicht vermodert und nach diesen 0815 Mottenfallen. Er nahm seinen Platz wortwörtlich füllend ein und verwies mich in die Schranken. Es begann das Verständnis.

Im 56B saß ich nicht oft, doch wenn ich mit dem Bus zum Training in die Altgasse fuhr, traf ich immer auf ihn. Er hatte eine geistige und körperliche Beeinträchtigung. Wir kannten uns aus der Handballhalle. Er war ein großer, eingefleischter Fan und wusste so viel mehr über den Verein, als ich. Jedes Mal plauderten wir die ganze Busfahrt lang. Leider verstand ich nicht alles, was er mir erzählte, doch ich hörte ihm stets zu. Selbst wenn die anderen Gäste uns komisch ansahen, oder zwei Schritte von ihm wichen, blieb ich bei ihm, an seiner Seite. Er war mir wichtig und ich lernte durch ihn, dass man Menschen nicht runterreduzieren sollte, sondern sie als Ganzes wahrnehmen muss. Mit meinem Alter verlor ich ihn aus den Augen und ich weiß bis heute nicht, wie es ihm geht. Es begann die Akzeptanz.

Zurück in meiner Herzensbim, dem 60er. In ihr trat fast genau auf die Minute tagtäglich, ein deutlich erkennbarer Homosexueller immer wieder auf. Wir nannten ihn, den schwulen Flo von Meidling. Er tanzte und wackelte, ja stolzierte förmlich durch den Waggon und riss uns bei so mancher Fahrt in seinen Bann. Selbstverständlich wurde er mit missmutigen Augen betrachtet und so mancher ältere Herr genierte sich gar, mit ihm in derselben Bim zu sitzen. Doch eins musste man ihm lassen. Er hatte echt Klasse. Seine Outfits waren weit vor unserer Zeit und sein Auftritt war bühnenreif. Wir waren seine täglichen Zuschauer, welche ihn anpöbelten oder applaudierten. Es begann die Toleranz.

© Weudl 2021-06-10

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