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#elternsein

Rückbank-Diktatoren

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Rückbank-Diktatoren | story.one

Ein Hoch auf die Selbstbestimmung, ein Hoch auf die eigene Meinung, ein Hoch auf die gelebte Diktatur. In unserem schneeweißen Mazda 5 herrscht eine klare Klassentrennung. Auf dem Fahrer und Beifahrersitz dürfen die Eltern und Führerscheinbesitzer ihren Platz einnehmen. Die beiden Plätze auf der Rückbank werden von unseren beiden Kronprinzen im Sturm erklommen. Während der eine sich schon selbstständig ins Vehikel hievt und sich den Sicherheitsgurt wie eine Schleppe umwirft, genießt der Jüngere das volle Kronprinzenwohlfühlprogramm. Auf den Sitz platziert und von Mama oder Papa angeschnallt werden, so lässt es sich Leben, oder?

Ich starte den Motor und lasse die beiden vorderen Fensterscheiben hinunter. Die Musik des Radiosenders durchbricht das Wörterwirrwarr der beiden Rückbankprotagonisten. Da ertönt von der Rückbank der klare Befehl: Papa, hören!

Nirvana´s: Smells like Teen Spirit; war ihm offensichtlich nicht gut genug. Ich frage den jüngeren Diktator aufs Höflichste: Was möchtest du denn hören?

Kronprinz A schießt, wie aus einer Beretta: Drachenzähmer!

Königin: Kann ich bitte, Drachenzähmer hören, heißt es!

Kronprinz B in gewohnt, cooler Art: Pettersson und Findus!

Königin: Kann ich bitte Pettersson und Findus hören, heißt es!

Die Frau des Fahrzeugs daraufhin: Beides gleichzeitig geht nicht, also einigt euch. Es entflammt ein kurzes Wortgefecht, welches in einem Kompromiss für Jung und Alt endet. Ich setze den Blinker und fahre los, muss aber nach gefühlten 50m wieder anhalten. Ein Vorranggebenschild nimmt mir die Fahrfreude und lässt meinen einen jungen Diktator sogleich bestimmen: Hochgeben! Auf der Leitung stehend, fahre ich zunächst einmal weiter. Ein vehementes, forderndes: Hochgeben, Papa!, lässt mich aufhorchen und ich sehe verdutzt in die Richtung meiner besseren Hälfte. Die Königin meldet sich: Du sollst das Fenster wieder schließen. Der Hamster bewegt sich bekanntlich langsam in meinem hauseigenem Hamsterrad.

Eh kloar, draußen hat es gefühlte 41 Grad und dem Diktator ist zu kalt da hinten auf der Rückbank. Zögerlich bediene ich den Schalter der Fensterscheibe und sehe ihr dabei zu, wie sie nach oben fährt und mit ihr die letzte frische, kühle Luft aus dem Fahrezeug weicht. Ich schwitze.

Trinken! Kronprinz B verlangt, wie könnte es anders sein, etwas zu trinken. Die Flasche wird ihm gereicht. Ein gefolgtes“Danke” lässt uns hoffen, als Eltern, doch nicht auf ganzer Linie zu versagen.

Kronprinz A: Auch!

Ich, leicht genervt von der Affenhitze im Auto: Auch, was?

Kronprinz A: Auch trinken!

Die Flasche wird ihm gereicht. Er lacht schalkisch, wie sein alter Herr.

König und Königin zu sein, bedeutet auch immer wieder Rücksicht nehmen auf das gemeine Volk, welches sich labend auf der Rückbank, durch die kulinarische Vielfalt kaut.

Mit vollem Bauch und gelöschtem Brand wird es endlich ruhig auf der diktatorischen Rückbank. Ich traue mich das Fenster einen Spalt weit zu öffn…

Hochgeben!

© Weudl 2021-07-22

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