Absurdität

von Manuel Giron

Story

Die Szene beginnt mit einem schwarzen Kater, der seinen Blick perplex oder verschreckt, so genau ist das nicht zu sagen, auf eine Frau um die siebzig richtet, die seine Aufmerksamkeit verlangt, weil er ein Vögelchen, das etwa einen halben Meter vor ihm auf dem Boden liegt, gerupft und ausgeweidet hat. Politisch korrekt –so kann man es beschreiben – rügt die Frau das Raubtier, ohne dabei Wut oder Zorn zu zeigen, nein, sie geht dabei nicht vorwurfsvoll, sondern äußerst pädagogisch vor, im Bestreben zu beweisen, dass Tiere ihre wilde Natur zugunsten fortgeschrittener Zivilisation ablegen können.

Der Kater, der das tote Tierchen aus dem linken Augenwinkel überwacht, um es sogleich erneut zu erlegen, sollte es versuchen, wieder aufzuerstehen, gibt den Anschein, die Worte seiner Besitzerin zu verstehen: Ein kurzer Anflug von Reue scheint sogar für einen Augenblick durch seinen Blick zu huschen, was aber auch nur Einbildung sein könnte. Er lässt die Rüge stoisch und wie versteinert über sich ergehen, obwohl doch klar ist, dass hier der einzige Schuldige das Vögelchen ist, das sich erdreistet hat, sich vor seiner Schnauze in Stellung zu bringen. Der Instinkt versteht keine guten Gründe und als Raubtier ist es des Katers Pflicht, zu jagen, obwohl es ihm im Hause sicher nicht an Futter fehlt.

«Niemals hätte ich dir derartige Grausamkeit zugetraut», wirft ihm die Frau ohne jegliches erkennbares Unbehagen vor. Sie beide erwecken den Eindruck, sie seien alte Bekannte, die ständig miteinander reden, auch wenn der Richtigkeit halber zu sagen ist, dass die Alte redet und der Kater zuhört – ganz so, wie der Patient und der Therapeut bei einer Psychoanalysesitzung.

Natürlich wissen wir nicht, inwieweit das Raubtier die Frau wirklich verstehen kann. Die aufgerichtete Haltung des Katers könnte auf völlige Konzentration schließen lassen, leckt er sich auch ab und zu die blutverschmierte Pfote. Der Kater weiß um seinen ungebrochenen Jagdinstinkt, liefern die im Internet kursierenden Fotos von Vögelchen in trauter Zweisamkeit mit kleinen Schmusekätzchen auch den vermeintlichen Gegenbeweis dafür.

Am liebsten würde er ja die ganze Zeit jagen, schließlich kann sein Dasein an der Seite der Frau recht langweilig sein, die mit ihm immer wieder schimpft, ohne daran zu denken, dass er lieber in aller Freiheit tun und lassen würde, was er will. Andererseits hat er sich als Haustier inzwischen daran gewöhnt, gestreichelt und gefüttert zu werden.

Schließlich scheint sich seine Besitzerin zu beruhigen und alles kehrt zur Normalität zurück. Während sich der Kater die Schnurrhaare putzt, sammelt sie die Überreste des unseligen Vögelchens ein.

Die ganze Szene ist absurd, schließlich versteht der Instinkt keine guten Gründe. Doch ohne Absurdität würde unser Dasein aufhören, uns zu überraschen.

© Manuel Giron 2023-12-21

Genre*
Humor& Satire
Stimmung
Adventurous
Hashtags
surprise, Mistery, Humour