Ein Ehepaar aus Paris

von Manuel Giron

Story
Zurich, Switzerland 2024

Diese Geschichte erzählte mir ein Ehepaar aus Paris, auf das ich an einem lauen Sommerabend im Jardin du Luxembourg stieß. Sie waren gerade aus Mexiko zurückgekehrt, wo sie sechs Monate in einer Hütte im Cañón del Cobre zugebracht hatten, die sie für sich hatten bauen lassen.

In Gesellschaft ihres lieben weißen Hündchens wollten sie es sich dort gutgehen lassen und die Vorteile auskosten, die der Ort zu bieten hatte. An die möglichen Nachteile hatten sie keinen Gedanken verschwendet – so etwa hatten sie nicht daran gedacht, dass sie den Ort mit den örtlichen Bauern teilen würden, die sie bei ihren vorangehenden Reisen dorthin nur von Weitem gesehen hatten. Auch lag ihnen nichts ferner als die Tatsache, dass deren Lebensstil sich von Ihrem unterscheiden könnte. Sie befanden sich auf fremdem Territorium, aber anstatt sich viele Gedanken zu machen, taten sie lieber weiterhin so, als gehöre ihnen das ganze Tal. Letztendlich waren sie reiche Touristen, die glaubten, sie wären die Herren der Welt.

Zum ersten Zusammenstoß kam es, als die Pariser Herrschaften beschlossen, einen Spaziergang durch die Felder der Landwirte zu machen. Vom ersten Augenblick an war ihnen klar, dass sie hier nicht willkommen waren, und dass es klaffende Unterschiede zwischen ihrem koketten Hündchen und den einheimischen Hunden gab. Sie erfuhren, dass es den Hunden hier nicht gestattet war, die Nächte drinnen in der Hütte zu verbringen. Nein, die armen Hunde mussten bei Wind und Wetter draußen schlafen. Dazu wurden sie nie gebadet und waren voller Flöhe. Aber das schlimmste war wohl, dass ihre Herrchen nicht mit den Hunden sprachen, ja sie gingen mit ihnen um, als wären sie wilde Tiere.

«Ein Hund gehört zur Familie!», war es Michelle entfahren, als sich die Gelegenheit bot, den Leuten einmal ordentlich die Meinung zu sagen.

«Reden Sie doch keinen Unsinn, Señora. Ein Hund ist ein Tier», hatte ihr jener erwidert, der in der Familie das Sagen zu haben schien.

Ein anderes Mal brachten sie den Bauern eine Dose mit Weihnachtskeksen mit, um die nachbarschaftlichen Verhältnisse etwas zu entspannen. Doch weder die werten Nachbarn noch ihre Hunde rührten die Kekse an. Michelle, die es gewohnt war, ihr Hündchen in der Nacht mit ins Bett zu nehmen, störte sich über die ungerechte Behandlung zu entrüsten, die den Hunden zuteil wurde. Die beste Lösung zur Verbesserung ihrer Lage wäre wohl eine Revolution im Cañón del Cobre gewesen, so dachte sie.

«Schließlich beschlossen wir, unsere Ferienhütte zu verlassen und in die Zivilisation zurückzukehren, um nicht ganz verrückt zu werden. Etwas wehmütig waren wir schon, denn die Natur dort ist wirklich einmalig». Sie verabschiedeten sich, als es dämmerte, denn am nächsten Tag hatten sie einen Termin beim Tierarzt, der sich um das Wohlergehen des geliebten Hündchens kümmerte. Einen Termin bei einem Arzt, der sich um ihr eigenes Wohlergehen kümmern würde, hatten sie meiner Vermutung nach nicht, denn sie gingen ganz gebeugt, als würden sie die Last der Welt auf ihren Schultern tragen.

© Manuel Giron 2024-02-01

Genre*
Romane & Erzählungen, Humor& Satire
Stimmung
Emotional, Reflective, Komisch
Hashtags
Humor, Ironie, traveller