Eine Nacht mit Yoko Ono (2/2)

von Manuel Giron

Story
Zurich, Switzerland 2024

Um acht Uhr waren die meisten Besucher bereits gegangen. Nur noch wenige befanden sich auf der Terrasse. Die Frau, die ich für Yoko Ono hielt, saß immer noch am gleichen Platz, wahrscheinlich entzückt vom Anblick, den die nächtliche Stadt bot und in Erinnerungen vertieft.

Die Zeit war gekommen, sie anzusprechen, schließlich wollte ich wissen, ob es tatsächlich Yoko Ono oder nur eine Ausgeburt meiner sprudelnden Fantasie war. Ich ging auf sie zu und stellte mich vor. Von da an sprachen wir über Vieles, aber vor allem darüber, was für eine Welt sie und John Lennon sich vorgestellt hatten. Eine bessere Welt, frei von Nationalitäten und Flaggen, frei von Göttern und Religionen. Beide waren wir uns darüber einig, dass Nationalismus und Religionen einzig dazu gedient hatten, die Menschheit mit Fanatismus und Kriegen zu entzweien, niemals, um Frieden zu stiften.

Wir fragten uns auch, wo die Utopien und Revolutionen geblieben waren. Wie war es möglich, dass sich machtbesoffene, entfremdete Hampelmänner mit ihrer verrückten Hetze und ihrem wilden Geschrei die Welt unterwerfen konnten? Wohin wird die Leere der sozialen Netzwerke mit ihren naiven, um Liebe und ihre Dosis Dopamin bettelnden Untertanen noch führen? Wie konnten wir hinnehmen, dass Konsum und Marktwirtschaft uns zu Schrauben und Rädern ihres Getriebes machen?

«John hat sich eine andere Welt vorgestellt, eine Welt ohne menschliches Leid, eine gerechtere Welt. Aber er hat sich getäuscht, genau wie du und ich, denn so eine Welt ist nicht möglich. Der Mensch ist nur ein Affe in Kleidern», sagte Yoko.

Der Wachmann, der uns bisher beobachtet hatte, kam auf uns zu und forderte uns zum Gehen auf, da der Tower schloss. Wir warfen zum Abschied einen letzten Blick auf die riesige Großstadt, die uns zu Füßen lag und gingen in Stille. Keiner von uns wollte den Zauber brechen.

Tokio bei Nacht ist außergewöhnlich, und von oben gleicht die Stadt einem Meer von Lichtern.

Nahe und ferne Lichter, die von Weitem aussehen wie abtreibende Schiffe. Lichter ohne Ende.

© Manuel Giron 2024-02-06

Genre*
Romane & Erzählungen
Stimmung
Emotional, Hoffnungsvoll, Reflektierend
Hashtags
#story, #fiction, #imagination, creative