Da Ugovizza

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Da Ugovizza | story.one

Immer wenn wir nach Italien fahren, sehe ich bei Tarvis den Hinweis auf den kleinen Ort Ugovizza im Kanaltal. Und immer muss ich da an meine Tante denken, die wunderbare. Mein Bruder und ich nannten sie nur Tante, sie war konkurrenzlos. Mutti’s einzige Schwester.

Papa hatte sechs Stück, aber die waren entweder über dem Berg gelegen oder gar ausgewandert, Süddeutschland, Schweiz, weil es in Österreich, bevor der große Retter kam, keine Arbeit gab. So mussten die Dirndln auswandern, um Arbeit oder einen Mann zu ergattern.

Unsere Lieblingstante wohnte nur einige hundert Meter entfernt. Sie war ausnehmend hübsch und lebenslustig, das Gegenteil ihrer Schwester, unserer Mutti. Die war das Aschenputtel. Ruggedigu. Tante machte eine Lehre, blieb dann aber bei der chronisch kranken Mutter, meiner Omi, zu Hause. Sie bekam alles, was sie wollte. Wenn nicht, schaltete sie ihre Nase ein, fing an zu bluten und hörte nicht mehr auf, bis sie das Gewünschte bekam. Sie sah ent-zück-end aus und niemand konnte ihr einen Wunsch abschlagen, schon gar nicht, wenn sie blutete.

Als die Vespas aufkamen, vespa-te sie bald mit ihrer eigenen durchs Dorf. In immer neuen Kleidern und italienischen Schuhen, wunderschön, 50er-Jahre, Kopftuch à la Audrey Hepburn. So kurvte sie herum, im weißen Kleid mit bunten Polka Dots, viel beneidet und beklatscht. Aber nicht mit Händen.

Wenn Mutti, um 2 Jahre älter, seit dem 15. Lebensjahr in Spittal in einer Eisenhandlung tätig, in irgendein Kleidergeschäft Ware zustellen musste, hieß es oft: Iebrigens, dei Schwestale hat noh a Rehnung oofn... (ch gibt's nicht im Kärntnerischen; und offen wird gesprochen wie oofn).

Sie war heiß begehrt, und bestimmt auch verhaßt. Für die meisten Männer war sie, so vermute ich, reine Dekoration. Sie war immer am Boden zerstört, wenn es mit einem aus war. Zwei gescheiterte Ehen, aber sie war treu. Sie wollte so gern eine gute Ehe führen. Ich sehe sie noch mit ihrem ersten Mann in der Küche am Fenster stehen. Winter. Er, der Jäger, erklärte ihr die Vögel, die die zahlreichen Obstbäume im Garten von Omi besuchten. Sie lauschte mit seligem Blick diesem Mann, der das alles wusste. Allzu kurze Idylle.

Einer ihrer lebenslangen Verehrer war ein gewisser Ugovizza. Oft hörte ich diesen Namen. Kein Herr, nur „da Ugovizza“. Sie hatte nichts mit ihm, da bin ich mir sicher. Er war gar nicht der Typ Mann, mit dem sie was gehabt hätte. Erst kürzlich erfuhr ich von meinem Bruder eine hübsche Tante-Story.

Wir gingen an einem "E-Werkl" vorbei und Herwig sagte: Do hot da Ugovizza imma für die Tante die Telefonleitung ongezapft. Dann hat sie stundenlang mit ihrer Tante in Hannover quatschen können. Eine wunderbare Geschichte, die sich ganz harmonisch in das Bild fügt, das ich von meiner heißgeliebten Rabenbratl-Tante im Herzen behalten möchte.

Und jetzt grad fällt mir auf: Da Ugovizza hieß wahrscheinlich gar nicht Ugovizza sondern WAR AUS Ugovizza. Da Ugovizza. Das Da heißt aus. Stimmt`s? Vero? Right? Prawda?

© Margret Moser