2. Der Fensterputzer

Johanna Wieja

by Johanna Wieja

Story

In schwebender Höhe bewegte sich der Fensterputzer und blickte auf die Stadt herunter. Schon lange hatte er seine Höhenangst verloren, die früher ein so riesiges Problem für ihn gewesen war. Gelegentlich schaffte er es nicht einmal auf eine Leiter zu steigen, ohne dass seine Beine dabei angsterfüllt wackelten.

Seine Mutter hatte über ihn gelacht, als er ihr sagte, er wolle als Fensterputzer arbeiten, sich von Hochhäusern abseilen und dabei, wie Spiderman selbst, an den Glaswänden kleben.

„Such dir etwas Leichteres“, hatte sie gesagt. Doch er hatte nur mit dem Kopf geschüttelt, woraufhin sie verzweifelt über dem Küchentisch zusammenbrach, als sie verstand, dass es ihm ernst war.

Er machte seinen Job gut, arbeitet bei jeglichen Wetterlagen, was seine Auftraggeber sehr zu schätzen wussten. Viele der Glasfronten der Hochhäuser wurden von ihm gereinigt. Für ein ganzes Stockwerk brauchte er nicht lange.

Vermutlich würden einige über ihn sagen, dass er ein komischer Mensch sei. Keine Frau. Keine eigene Familie. Nicht mal einen Hund hat er. Gerade sein Job ließ ihn skurril wirken. Wer so etwas mag, hat wohl zu wenig Spaß in seinem Leben, sagten seine Arbeitskollegen immer häufiger über ihn. Im Gegensatz zu ihm verachteten sie ihren Job und hofften stets auf einen Besseren. Unlängst hatte sich einer heruntergestürzt, in der Hoffnung dort Zufriedenheit zu finden und hatte die ganze Arbeiterschaft in ein Loch des Denkens geführt, in dem sie sich nun verkrochen hatten. Sie schimpften über die Reichen, die in den Häusern arbeiteten und selbst zu faul waren, um sie zu säubern. Sie schimpften über die Reinigungskräfte, die diese kleine Aufgabe auch übernehmen konnten. Sie schimpften über die Chefs. Sie schimpften über ihre Frauen, ihre Kinder. Sie schimpften über die Höhe.

Dieses Problem hatte der Fensterputzer nicht. Er hatte nichts, worüber er schimpfen sollte, was für die anderen unverständlich war. Manchmal, wenn er sich umdrehte, konnte er sehen, wie sie die Köpfe zusammensteckten und ihn belächelten.

Er hatte eine deutlich spannendere Unterhaltung gefunden als dieses ständige Schimpfen. Wenn er wusste, dass die Menschen im Gebäude ihn nicht beachteten, ließ er sich herabhängen und beobachtete sie. Er wusste, wann die CEOs in dem obersten Stockwerk, sich Prostituierte bestellten, um sich die Arbeit ein wenig leichter zu machen. Er wusste, wann einer der Arbeiter über seinen Dokumenten verzweifelte, Rotz und Wasser heulend. Er wusste, wann einer Frau Blumen von ihrem Mann geschickt bekam und vorgab, sich darüber zu freuen. Dann fuhr er mit seinem Aufzug das Hochhaus hoch und runter und suchte nach diesen Momenten.

Es waren diese Momente der Menschlichkeit, die seine Arbeit erheiterten und ihm ein Gefühl der Leichtigkeit schenkten. Genau deswegen sah er das Zebra nicht, als es über den Times Square schritt und die Menschen nicht berühren konnte.

© Johanna Wieja 2022-08-08

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