24. Dezember

Gabriele_Krele-Art

by Gabriele_Krele-Art

Story
2025

Eine weihnachtliche Überraschung

Charlie, ein in die Jahre gekommener Esel, lebte gemeinsam mit ein paar seiner Artgenossen in einem großen Gehege am Dorfrand. Sein Herr machte sich große Mühe, den alten Eseln noch ein paar schöne Jahre zu ermöglichen. Am Heiligen Abend lud Charlie seine Freunde zu einer kleinen Plauderstunde ein. Sie wollten sich Geschichten erzählen von früheren Zeiten und Erinnerungen aufleben lassen. “Kaum zu glauben”, eröffnete Charlie das Weihnachtstreffen, “dass schon wieder ein Jahr vergangen ist.” Die Esel stellten neugierig ihre Ohren auf und rückten eng aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Edi taugte für die schwere Arbeit nicht mehr. Sein gepflegtes Fell glänzte noch dunkelgrau, aber sein Rücken schmerzte manchmal sehr. “Früher musste ich Rucksäcke für Menschen auf langen Wanderungen tragen. Ich verdiente mir mein Futter als Pack- und Trekking-Tier bei Pilgerreisen. Es kam auch vor, dass sich ein müder Wanderer auf meinen Rücken setzte und sich von mir ein Stück des Weges tragen ließ. Schau, wie krumm mein Rücken von der Last geworden ist! Meine Großeltern waren noch viel schlimmer dran. Sie zogen schwere Pflüge und droschen Getreide. Meine Großmutter schleppte Wasserkanister und Holzstämme auf dem Rücken, oft über lange Strecken.”

Nun erhob Mary das Wort, denn auch sie konnte viel aus ihrem früheren Leben erzählen. Mary war anders als ihre Freunde eine creme-weiße Eselin mit wunderschönen himmelblauen Augen. Auch wenn sie im Dunkel der Weihnachtsnacht nicht so leuchteten wie im Sonnenlicht, war Mary trotz ihres hohen Alters eine vornehme, hübsche Stute. Das war auch Charlie nicht entgangen. Sie wirkte edel, entstammte sie doch einer seltenen und heute raren Eselrasse. Die weißen Barockesel sind weit über die Landesgrenzen hinweg bekannt. “Ich lebte in einem Schlossgarten”, erhob Mary ihre zarte Stimme. “Zum Glück musste ich nicht schwer arbeiten wie ihr. Eigentlich musste ich gar nicht arbeiten, sondern konnte ein angenehmes Leben als Barockesel in einem Schlossgarten führen. Meine Vorfahren lebten schon seit dem 17. Jahrhundert auf Fürstenhöfen. Mit Stolz führen wir diese österreichisch-ungarische Tradition weiter. Wie oft wurden wir von den Besuchern ob unserer blauen Augen und unseres schönen, weißen Fells bewundert!”

Charlie nickte bejahend, denn auch er bewunderte diese edle Stute. Nun war er an der Reihe, etwas Interessantes zu diesem Weihnachtstreffen beizusteuern. “Habt ihr schon einmal davon gehört, dass wir Esel zur Landschaftspflege eingesetzt werden? Ich war so ein Glückspilz. Mir ging es auch ganz gut in meinem Arbeitsleben. Ich durfte mit meinen Eselfreunden den ganzen Tag auf saftigen Wiesen grasen. Wir mussten dafür sorgen, dass das Weideland nicht mit Büschen verwachsen konnte. Ich tat nichts lieber als das”, schwelgte der alte Esel in seinen Erinnerungen. Unter dem Sternenhimmel schimmerte seine silbrig gewordene Mähne. Plötzlich fühlte er sich wieder jung. “Ich habe eine Überraschung für euch, kommt mit!”, forderte er die beiden Esel auf. Durch eine Hintertür führte er sie zur nahen Dorfkirche. Dort sahen sie einen Esel vor einer Krippe stehen. In der Krippe lag das Jesuskind. “Dieser Esel hat es auch gut getroffen”, flüsterte Charlie, und Mary strahlte ihn im Kerzenschein mit ihren blauen Augen liebevoll an.

© Gabriele_Krele-Art 2025-12-24

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