by Alicia Harms
Liebes Tagebuch,
ich habe endlich Geburtstag. Endlich bin ich 18 Jahre alt. Doch um ehrlich mit dir zu sein, mir ist nicht wirklich zum Feiern zu mute. Ich fühle mich so überfordert, ich bin noch nicht bereit erwachsen zu werden, ich bin doch gestern erst 12 geworden. Ich weiß doch gar nicht wie das Leben funktioniert. Und trotzdem lastet auf meinen Schultern bereits zu viel Last. Die Gesellschaft macht mir Druck, eigentlich bereits seit dem Tag, an dem ich geboren wurde. Der erste Tag, an dem ich, merkte das, die Gesellschaft einen Scheiß auf mich gibt, war als ich in der Grundschule gemobbt wurde. Ach liebes Tagebuch du kannst dir nicht vorstellen wie gemein kleine Kinder sein können. Ich hatte den Mut zu meinen Lehrern zu gehen, ich habe ihnen alles erzählt, und für einen Tag hatte ich plötzlich ganz viele Freunde, doch am nächsten wurden die Beleidigungen noch schlimmer. Ich blieb still, ich habe gelernt, dass wenn du etwas sagst, sich nichts ändert. Absolut nichts. Mir ist schnell aufgefallen das ich anders bin, und das anders nicht gut bedeutet. Ich war anders aber was genau an mir anders war, wusste ich nicht, aber glaub mir liebes Tagebuch ich habe alles daran, gesetzt nicht mehr anders zu sein. Ich wollte so sein wie alle sind. Das nächste Mal, als mir aufgefallen ist, das die Gesellschaft eben nur das ist, eine Gesellschaft ohne Blick für die einzelnen Individuen, war in der weiterführenden Schule, ein Mädchen aus meiner Klasse hat mich mit einer Flasche über den Schulhof gejagt und wollte mich verprügeln, ich habe was gesagt, und mir wurde das Recht abgesprochen, sie zu kritisieren, sie käme doch aus schweren Verhältnissen. Ich wurde von der ganzen Klasse gehasst und an meinem Geburtstag mussten sie es auf die Spitze treiben und Lehrer mit involvieren. Das dritte Mal, das mir aufgefallen ist, das ich nur ein Punkt in einer Statistik bin, war in der Oberstufe, ich wurde grundlos für meinen Fleiß gehasst und der Schulsozialarbeit hat Partei ergriffen und sich gegen mich gestellt, das Problem besteht ich wollte nicht locker lassen, ich wollte es nicht hinnehmen. Ich ging zu meinen Lehrern, die sagten nur ich dürfte nicht von Mobbing reden, das sehe anders aus, sie würden das im Auge behalten. Nichts. Es hört nicht auf, nur meine Lehrer hörten auf mir zuzuhören, ignorieren meine E-Mails, ich habe aufgehört es anzusprechen, ich bin stark, ich schaffe das letzte Jahr auch noch. Das letzte Mal, das mir aufgefallen ist, das die Gesellschaft nur besteht, weil keiner das Prinzip hinterfragt ist genau jetzt. Ich bin jetzt 18 und habe nie gelernt wie ich eine Steuererklärung schreibe, wie ich eine Wohnung miete, wie ich streiche, wie ich ein Bild aufhänge, wie ich koche. Die Gesellschaft erwartet von mir, dass ich das alles kann, das ich bereit bin mein Leben auf die Reihe zu kriegen, ohne jemals gelernt zu haben, wie Leben überhaupt funktioniert. In der Schule lerne ich Graden im dreidimensionalen Raum zu berechnen aber nicht worauf man bei einem Arbeitsvertrag achten muss. Ich bin noch komplett abhängig von meinen Eltern, ich habe keine Ahnung wie ich einen Kredit beantrage oder mein Geld verwalte. Von einem auf den anderen Tag wird die gesamte Verantwortung auf mich umgewälzt und ich muss selber schauen, wie ich lerne zu leben. Und liebes Tagebuch, ich kann dir jetzt schon sagen, das ich dir von meinem Mobbing erzählt habe macht mich verletzlich, und unsere Gesellschaft mag es nicht, wenn man verletzlich ist.
© Alicia Harms 2024-09-15