Ihr gemeinsames Haus inmitten unzähliger identischer in der Beechwood Avenue in Ranelagh war hellerleuchtet dank all der Schwibbögen und Weihnachtssterne, die Michael vor ein paar Tagen in die Fenster gestellt hatte. Egal, wie spät es manchmal im Pub noch wurde – Damian kam meist nie vor Mitternacht nach Hause, heute war es fast ein Uhr – Michael wartete immer auf ihn. Normalerweise fiel dadurch sämtlicher Stress von Damian ab und er fühlte sich augenblicklich geborgen. Aber heute würde es nicht ganz so heimelig werden, wenn er seinem Partner von den schlechten Nachrichten berichtete.
Er stieg die zwei Stufen hoch und schloss die Tür auf. Ihre war ochsenblutrot gestrichen, andere in der Straße waren schwarz, gelb oder blau. Die Türen von Dublin zählten zu den Hauptattraktionen der Stadt, egal ob sie nun den Zugang zu den imposanten georgianischen Häusern im Stadtkern oder zu den Reihenhäusern aus Klinker in den Vorstädten beschützten.
Der Flur war winzig, Damian musste aufpassen, dass er wegen seiner Körpergröße und Schulterbreite nicht die Vase auf dem Regal herunterriss. Weil der Raum so klein war, hörte er deutlich, wie Michael in der Küche vergnügt einen Aretha-Franklin-Klassiker schmetterte. Er lächelte unwillkürlich, doch dann verschob sich der leere Karton in seiner Armbeuge und er wurde wieder an dieses absolute Desaster erinnert. Mit verkniffenem Gesichtsausdruck betrat er die Küche.
Michael hielt in seinem Gesang inne und breitete stattdessen die Arme aus, um Damian in Empfang zu nehmen. „Hallo mein Schatz, wie war dein Tag?“ Sein Blick fiel auf den Karton in Damians Arm. „Oh natürlich, die Mission! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie aufgeregt ich bin, dich darin zu sehen.“
„Tja“, begann Damian schleppend, „es gibt da nur ein klitzekleines Problem.“
Michael musterte ihn mit einem prüfenden Blick. „Was soll das heißen?“
Ohne weitere Vorrede zog Damian den Deckel vom Karton und präsentierte die darin gähnende Leere.
„Wo… wo ist der Anzug? Hast du ihn etwa verloren?“ Michaels Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
„Ich hab ihn nicht verloren!“, empörte sich Damian. „Man hat ihn mir geklaut!“
Michael konnte nur den Kopf schütteln. „Das ist die schlechteste Ausrede, die ich je gehört habe.“
Damian warf die Arme in die Luft, dann packte er den Karton und schüttelte ihn lautstark. „Was soll das heißen, Ausrede? Hätte ich ihn verloren, wäre auch der Karton nicht mehr da. Als ich ihn in den Personalraum gestellt hab, war der Anzug noch drin. Mir fällt bloß keiner von meinen Leuten ein, der so was machen würde. Die sind alle anständig.“
„Dann hat sich vielleicht einfach bloß jemand einen Scherz erlaubt. Wenn auch einen verdammt schlechten.“
© Cornelia Jost 2022-05-17