Wir sind angesichts eines Faktums in diese Welt gekommen: die Kalenderreform von Papst Gregor (der Dreizehnte) im Jahr 1582. Dies ist vor allem für Menschen von höchster Relevanz, die mit christlichem, speziell abendländischem Hintergrund aufgewachsen sind. So eine Reform bringt oft auch unerwünschte (erwünschte?) Nebenwirkungen mit sich. Ich möchte dies anhand eines Beispiels verdeutlichen: In Cannabiaca (heute Zeiselmauer) in der Provinz Ufernoricum unterhielten die Römer ein Kastell, um auch an diesem Standort den Donaulimes zu verteidigen. Dieser Ort liegt zwischen Comagenis (Tulln an der Donau) und Vindobona (Wien). Ende des fünften Jahrhunderts verließen die Römer hauptsächlich die Orte, die für die Verteidigung der Grenze wichtig waren, oft das Militär und die Zivilbevölkerung: Im Jahr 488 ging für die Menschen im niederösterreichischen Donautal eine Welt zu Ende. Das zerfallende weströmische Reich war nicht mehr in der Lage, die romanische Bevölkerung vor dem Druck der germanischen Zuwanderer zu schützen. Danach sei auch dieser Ort verfallen und die Mauern von der Vegetation überwuchert worden. Die erste Erwähnung eines Gebietes im östlichen Tullnerfeld stammt aus dem Jahr 836, als König Ludwig der Deutsche dem Hochstift Passau “in der Provinz der Awaren am Ort der Kirchbach (Sankt Andrae Wördern; Anmerkung) genannt wird das folgende königliche Eigengut mit den dazugehörenden Rechten schenkt: …” (Quelle: “Zeiselmauer im Mittelalter”, Konrad Schröder, 2008)
Wenn also das römische Weltreich vor dem Druck der germanischen Zuwanderer zurückweichen muss, warum bleiben diese Migranten dann nicht an diesen Orten, die gerade verlassen wurden? Ich habe bereits in einer früheren Story dargestellt, dass die Germanen von damals nicht unbedingt mit den Deutschen von heute gleichzusetzen sind; das liegt einfach an der Assimilation mit anderen Völkern im Laufe der Jahrhunderte. Nicht ganz ernst gemeint könnte man aber sagen, weil heute oft behauptet wird, dass die Migranten schlussendlich alle nach Deutschland wollten: Jetzt sind die Germanen in Deutschland und Österreich angekommen und wollen dann erst nicht bleiben! Aber gut, vielleicht sind bei der gregorianischen Kalenderreform, bei welcher ja auch Fehler aus der alten Zeitrechnung behoben werden sollten, ein paar Jahre (Jahrzehnte?) durch das Narrativ der Kirche (mutmaßlich) “hineingerutscht”? Allein durch die nicht genau zusammenfallenden Regierungs- beziehungsweise Amtszeiten von König Herodes und Statthalter Quirinius ergibt sich beim genauen Geburtszeitpunkt von Jesus eine Schwankungsbreite von ungefähr vierzehn Jahren. Dazu kommt, dass das frühe Mittelalter in schriftlichen Dokumenten auffällig spärlich erwähnt wurde; in wesentlichen Ereignissen beginnt für mich diese Epoche folgendermaßen: “Obwohl nun Karl Martell (geboren 689), der Hausmeier und De-facto-König des fränkischen Reiches von 714 bis 741, der Großvater Karls des Großen und Vater Pippins des Kleinen, keineswegs schon als eine Gestalt der deutschen Historie gelten kann, erscheint sein Name mit dem klangvollen Beinamen doch in nahezu jeder altväterlichen deutschen Geschichte als erster kräftiger Akkord des Vorspiels zur Geschichte des Reiches.” (Quelle: “War Karl der Kahle wirklich kahl?”, Reinhard Lebe, dtv 1991)