by Giggu
Die zu schreibende Geburtstagskarte liegt vor mir und ich habe mich entschlossen, dem lieben Geburtstagskind meine guten WĂŒnsche handschriftlich zu ĂŒbermitteln. Es wird ein lĂ€ngerer persönlicher Text, der ĂŒber “Alles Gute” weit hinausgeht. Und was passiert? Meine Hand ist daran nicht mehr gewöhnt, möchte schnell und daher womöglich viel zu schlampig fertig werden. Krampft sogar aus Protest ein wenig. Ist das zu fassen? Ich lege daher eine Pause ein und schweife mit den Gedanken ab…
In meiner Schulzeit – auch schon ein “Zeiterl” her – wurden wir von unseren Professoren angeregt, Brieffreundschaften zu schlieĂen. Wir konnten uns mit Namen und Adresse in Listen eintragen bzw. aus bestehenden Listen Brieffreunde im In- und Ausland suchen und diese anschreiben. Solche Korrespondenzen konnten in Deutsch oder in einer Fremdsprache gefĂŒhrt werden und waren quasi ein virtueller SchĂŒleraustausch. Ich hatte mir eine Rita aus Deutschland und einen Patrick aus Frankreich ausgesucht. Mit Rita war die Korrespondenz leicht. Unsere Themen drehten sich um Schule, Familie, Hobbys, die Umgebung in der wir wohnten – und allerhand so MĂ€dchensachen, die aber jetzt dem Briefgeheimnis zum Opfer fallen!
Mit Patrick, der nur Pat genannt werden wollte, verlief die Korrespondenz in englischer Sprache. In grauenhaftem Englisch beiderseits. Dennoch machte es SpaĂ. Als Erstes wollte er ein Foto von mir. (Was sagt uns das?). Mein Konterfei dĂŒrfte Gnade gefunden haben, denn unsere Korrespondenz begann. Es kam ein Foto von ihm, auf dem er lĂ€ssig an einem offenen Sportwagen lehnte. Mein Brieffreund war damals ca.14 oder 15 Jahre alt. (Was sagt uns das wieder?). Allerdings muss ich schon gestehen: Er war Ă€uĂerst attraktiv!!! Ob er der junge Mann am Foto war, wollte ich gar nicht hinterfragen. Seinerzeit musste man sich ĂŒber Fakes noch keine Gedanken machen und eine Fotobearbeitung mit den alten, privaten Agfa-Kameras gab es noch nicht. Nach ein paarmal Hin- und Herschreiben war es sich mein junger Franzose schuldig, zu flirten. Die Worte kamen mir teilweise bekannt vor – fast aus englischen Songtexten entnommen – aber ich möchte Pat nichts unterstellen!
Es war eine aufregende Zeit, die Vorfreude beim Warten auf die Briefe aus Deutschland und Frankreich, die hĂŒbschen Briefmarken, manchmal Sondermarken, die wir sammelten. Zur gewĂŒnschten Wissenserweiterung trug unsere Schreiberei absolut nicht bei. Interessant waren vielleicht noch unsere unterschiedlichen Handschriften. Irgendwann wurden wir alle der Korrespondenz ĂŒberdrĂŒssig und sie verlief im Sand. Alles hat eben seine Zeit.
Das halbfertig geschriebene Geburtsbillett liegt vor mir und ich kehre gedanklich in die Gegenwart zurĂŒck. Meine rechte Hand, die seinerzeit als Schreibhand Erzwungene, nimmt den Stift wieder auf und die Worte flieĂen munter weiter. Zum Abschluss wandert der Stift in meine linke Hand und ich zeichne ein kleines Herz.
Das Problem ist, ich habe leider gar kein Zeichentalent – weder links- noch rechtshĂ€ndig. Nur ein kleines Herz, das mir am Herzen liegt, das schaffe ich gerade noch! đ©·
© Giggu 2025-04-21