by Pilar
In den sechziger bis achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war Wien eine öde graue Stadt. Es gab kaum irgendwelche Orte der Unterhaltung fĂĽr uns Teenager. Es gab natĂĽrlich CafĂ©s wo man bei einem kleinen oder groĂźen „Braunen“ Zeitung lesen konnte und wo die Herren Beamten – es gab praktisch nur „Herren“sich nach dem BĂĽro trafen und „Tarock“ spielten. Es gab auch zwei Diskotheken. Jeden Samstag waren sie „bumvoll“. Wir Mädchen gingen meist ins „Atrium“, konsumierten den ganzen Abend ein Cola und versuchten den missbilligenden Blicken der Kellner, die Bestellungen aufnehmen wollten zu entgehen.
Ab den neunziger Jahren änderte sich alles in Wien. Anstatt der abgewetzten Kunstlederbänke und Fauteuils glänzten Edelstahlmöbel, Espressomaschinen und Designer-Einrichtungen. Nur einige wenige Cafés behielten ihren schäbigen Charme. Eines davon war das Café Donauwelle. Es befand sich Ecke Millöckergasse-Linke Wienzeile, gegenüber dem Seiteneingang zum Theater an der Wien. Heute ein Steak-House!
Es war ungefähr 1995 oder 1996: Ich arbeitete im Schloss Schönbrunn als SchlossfĂĽhrerin. Nach Dienstschluss versprach mir eine Kollegin eine besondere Attraktion und nahm mich mit ins CafĂ© Donauwelle. Vorher aber klärte mich Ilse, meine Kollegin auf: „Im CafĂ© tritt jeden Donnerstag die Frau Maria auf. Sie singt meist Ausschnitte aus Operetten. Sie ist eine der Besitzerinnen des CafĂ©s. Das wäre ja noch nichts Besonderes aber sie hat ihre gesanglichen Fähigkeiten – wenn sie je welche hatte – ĂĽberschritten. Wenn es dir noch so schwerfällt – du darfst nicht lachen, sonst schmeiĂźt sie dich hinaus!“ Also eine Florence Foster Jenkins auf wienerisch! Dachte ich.
Das Café hatte den Stil der sechziger Jahre bewahrt und mir fielen die jungen Leute – wahrscheinlich Chorsänger und Komparsen des Theaters an der Wien auf. Die meisten hatten ein Taschentuch vor dem Gesicht – man sollte ihre belustigten Mienen nicht sehen. Als Frau Maria einen besonders hohen Ton, der in ein Krächzen überging und dann vollkommen erstarb, aus ihrer Kehle zwang erscholl zuerst ein Prusten und dann ein schallendes Lachen. Einige der Zuhörer hatten es nicht geschafft, sich zurückzuhalten. Frau Maria unterbrach ihre Darbietung. Ein Donnerwetter ging auf die drei oder vier Übeltäter nieder. Sie wurden als Kunstbanausen beschimpft und natürlich hochkantig hinausgeworfen. Ilse und ich verließen auch das Lokal, denn wir wollten uns nicht genauso einem möglichen Hinauswurf aussetzen.
© Pilar 2023-04-16