Claras Geheimnis

Susann Gersten

by Susann Gersten

Story
Dresden

“Du bist alles, was ich nicht in Worte bringen kann. Alles, was ich nur fĂĽhlen kann. Du bist Energie, Frequenz. Bei dir beginnt in mir etwas zu schwingen, das keinen Namen hat und dennoch anklingt wie eine Stimmgabel tief unter meiner Haut. Du bist Farbe und Klang, dem ich gerne zuschaue und zuhöre. Du bist nicht hier, nicht neben mir — und doch spĂĽre ich fast jeden deiner Schritte. Manchmal halte ich den Atem an, wenn ich hinaus auf die StraĂźe gehe. Mit der Hoffnung oder Angst, dir irgendwo zu begegnen. Dieses GefĂĽhl, dir auf diese Weise nahe zu sein, zwischen Anspannung und Erlösung, energetisiert mich auf seltsame Weise. Du bist mein stiller Begleiter. Lieblich, zart, ohne Druck.”

Und mit diesem Gefühl lebt Clara nun schon einige Zeit. Langsam schlich er sich nahezu unbemerkt in ihr Leben, obwohl er fern war. Wie ein Loop kehrte er zyklisch zurück in ihr Herz, ihre Gedanken, ihre Träume. Sie kämpfte mit Ellenbogen und eisernem Willen dagegen an, doch er kam zurück. Immer wieder. Wie ein Echo zog sein Licht ihre Aufmerksamkeit zurück in jenen Moment, als sie sich das letzte Mal sahen. Doch Clara blickt nun weiter. Ins Jetzt. In ihr eigenes Leben. Und was sie darin erkennt, ist etwas Außergewöhnliches. Sie versteht, dass er längst Teil von ihr geworden ist. Unter den Schichten. Unter der Oberfläche. Unter all dem Schmerz, den Beziehungen, den Erfahrungen, die durch ihr Leben gestreift waren. Jetzt, nach ihrer Heldenreise, kommt sie bei sich selbst an und erkennt: Er ist immer noch da. Vertraut und neu zugleich. Verwandelt. Und dennoch hinterlässt er in ihr dieses vertraute Gefühl, das keinen Beweis braucht.

Nun ist er ein Teil ihres Weges — unsichtbar und doch spürbar. Mit jedem Schritt, den sie draußen auf der Straße geht. Mit jenem zarten Gefühl, das manchmal aufsteigt, wenn der Wind plötzlich vertraut roch oder ein fremder Mensch für einen Sekundenbruchteil seine Haltung trägt. Und so begreift Clara etwas, das sie früher nicht verstand: Manche Menschen begegnen der Liebe erst dann, wenn sie gelernt haben, sich selbst nicht mehr zu verlieren.

Vielleicht erkannte Clara ihre wahre Liebe deshalb erst Jahre später — weil sie den Weg nach all der Zeit zu sich zurückfand, den schweren Rucksack von ihren Schultern striff und bereit war, sich dem zu stellen, vor dem sie alle die Jahre davonlief.

© Susann Gersten 2026-05-28

Book Category
Novels & Stories
Moods
Emotional, Inspirierend, Unbeschwert, Reflektierend
Hashtags