by Dakota
Die Wolken hängen schwer am Himmel, der Wind peitscht mir ins Gesicht und der Mond scheint, als wäre es Nacht. Aber nein, es ist Winter, schon bald halb acht und ich muss zur Schule. Alles ist kalt, still, dunkel und Motivation fühlt sich an wie ein ferner Traum. Meine Finger wühlen in der Tasche, finden meine Kopfhörer und ich benötige die Hälfte des Weges zur Bushaltestelle, um den lästigen Kabelsalat zu entheddern. Dann endlich wird Stille zu Musik. Come as you are. Cobains Stimme, der Bass, die Riffs und auf einmal sind mir Wind und Dunkelheit egal. Alles andere verblasst.
Meine beste Freundin findet den Song langweilig, aber sie versteht ihn nur nicht. Für mich ist es mehr als ein Lied. Es ist ein Raum zum Atmen, in dem die Welt auf Pause steht. Jeden Morgen genieße ich die halbe Stunde Busfahrt in vollen Zügen.
Es ist traurig, dass Cobain sich das Leben genommen hat, aber ich denke, dass er irgendwie durch seine Musik weiterlebt. Vielleicht ist es das, was Kunst kann: uns über die Grenzen des Lebens hinaustragen. Uns erlauben, Teile von uns selbst zu zeigen, die bestehen bleiben. Seit ich Nirvana höre, verstehe ich mich selbst viel besser. Es fällt mir leichter, mich zu akzeptieren. Come as you are ist nicht nur ein Lied, es ist wie eine Erlaubnis, die ich mir selbst gebe.
Da hält der Bus an und ich stehe vor der Schule. Manchmal warte ich an der Haltestelle, um noch das Lied zu Ende zu hören. Wobei ich ehrlicherweise auch einfach ungern in die Schule gehe. Die sogenannte Schulgemeinschaft ist ein Wort, das Lehrer und Erwachsene benutzen, weil es nach Zusammenhalt klingt und nach „Wir haben uns alle so lieb“, aber in Wirklichkeit ist es so eine Lüge. Ich bin sie leid, all die unsichtbaren Regeln. Und ich meine nicht Klassenregeln, die Lehrer mit uns am Schuljahresanfang aufstellen. Nein. Es geht um diese, die unter Schülern gelten. Wer darf wo sitzen, wer darf mit wem reden, wer gehört dazu und wer nicht. Ich war sehr schnell eine Außenseiterin, als ich neu gekommen bin. Ich wurde von den “Coolen” beurteilt und für unwürdig befunden. Vielleicht besser so. Anfangs dachte ich, ich müsste mich beweisen, aber ich zerbrach mir den Kopf und kam zu dem Schluss, dass es besser sei, unsichtbar unter dem Radar zu schwimmen. Das ist meist leicht, jeder ist so mit sich selbst beschäftigt und es gibt zum Glück Zufluchtsorte, die einem helfen, abzutauchen oder aufzutauchen. Ich denke, das ist eine Frage der Perspektive. Diese Räume, in denen niemand urteilt, in denen man sein darf, sind so wertvoll.
Ich ziehe die Schultern hoch und bemerke, dass ich immer noch vor der Schule stehe. Ich begebe mich in die Schule und gehe zielstrebig zum schwarzen Brett, werfe einen Blick auf die Liste und trage meinen Namen bei dem neuen Bandprojekt ein, vor dessen Anmeldung ich so gezögert habe. Das wird absolut das Gegenteil von unsichtbar sein und vielleicht lohnt sich das. Denn das ist es, was uns rettet. Nicht die Schule, nicht die anderen. Sondern die Kunst und die Musik. Kleine Inseln, auf denen wir einfach wir selbst sein dürfen, echt sein dürfen. Ich weiß, dass Musik mich stark gemacht hat und dass ich trotz all der Regeln, der Blicke, der Urteile ich selbst sein darf. Come as you are.
© Dakota 2025-11-23