Jeder wusste, dass im ersten Stock ein Feuer ausgebrochen war. Da, im alten Einkaufszentrum. Sie warteten auf die Anweisungen. Es war unklar, wer alles organisierte und sich um die Leute kümmerte, die Leute folgten nur.
Darunter war ein Paar, Pia und Leo, das hektisch durch die Gänge lief. Alle wussten, wo das Feuer war und alle vermieden es. Keiner wusste, warum das Feuer ausgebrochen war, aber keiner machte sich Gedanken darüber. In einem alten Raum wurden alle Kinder gesammelt und saßen in zwei geordneten Reihen, links die Jungen, rechts die Mädchen. Sie warteten wie zahme Schafe und stellten keine Fragen. Fünf junge Frauen kümmerten sich um sie. Da kam das Paar in den Raum. Sie suchten nach einem Ausweg. Die Frauen stürzen sich auf Pia. Du musst uns helfen, sagten sie, es gibt so viele Kinder, auf die wir aufpassen müssen. Die geschlossenen Türen hatten Leo bereits außen gelassen. Manchmal musste man das Beste für die Allgemeinheit tun und nicht für sich selber. Wenn jeder nur an sich denken würde, dann…
Sie erzählten den Kindern eine Geschichte. Es war einmal ein Bär, der aus seiner Höhle rauswollte. Die Welt draußen war aber gefährlich und davor warnten ihn seine Eltern. Der Bär war sehr neugierig und ging nach draußen. Er sah zum ersten Mal die Bäume, seine Nase wurde von tausend neuen Gerüchen überflutet. Der Wind blies ihm ins Gesicht und er lachte. Da wurde er von den Jägern erschossen. Und dachte: „Hätte ich nur auf meine Eltern gehört!“
Pia fragte sich, ob ihr Freund draußen war und ob er sich bewusst war, wie gefährlich das war. Sie musste ihn suchen. Wo könnte er aber sein? Es war unmöglich, dass er im ersten Stock war, denn da war das Feuer. Und das Feuer galt es zu vermeiden. Vielleicht war er im vierten Stock, um so weit wie möglich vom Feuer entfernt zu sein. So würde er am längsten überleben, wenn sich das Feuer weiter ausbreitete.
Oder vielleicht war er doch im ersten Stock. Vielleicht kämpfte er sich durch das Feuer durch, um nach außen zu gelangen. Der einzige Ausgang war im ersten Stock. Um sich zu retten, mussten sie durch das Feuer durch. Als sie dies bemerkte, rannte sie zur Tür. Sie wurde aber von jemandem aufgehalten. „Willst du zu Tode verbrennen? Du musst doch ein Vorbild für diese Kinder sein!“ Pia löste sich von ihrem Griff und lief zur Tür. Sobald sie den Raum verließ, blieben die anderen stehen, als ob sie Angst hätten, rauszugehen.
Der Rauch kroch tief in ihre Nase und sie bedeckte ihr Gesicht mit ihrem Schal. Ihr Herz pochte gewaltig in ihrer Brust. Und dann… Vor ihr stand der Ausgang. Sie war gerettet!
Plötzlich erstarrte sie. Neben dem Ausgang hing etwas an der Wand. Ein roter Zylinder. Sie kam näher und berührte die kalte Oberfläche. Ein Feuerlöscher. Sie wandte sich um. Wo war denn das Feuer? Sie wusste gar nicht, wie groß es war. Was, wenn dieser kleine Feuerlöscher das riesige Feuer nicht löschen konnte? Was, wenn sie sich dabei verletzte? Sie konnte sowieso nicht alle retten. Sie überlegte noch eine Sekunde und verließ dann das Gebäude.
© Valentina Poveda 2021-08-09