Wer redet eigentlich von diesem Abschluss? Es war ja nun nicht wirklich ein Abschluss im herkömmlichen Sinne. Es war der Abschluss der Zeit, in der alles nach vorne strebte. Irgendetwas in Hilde hatte da nicht mehr mitmachen wollen. Hilde hatte in sich hineingehört. Erstmals hatte sie das versucht, ohne sich dabei von der Pflicht dirigieren zu lassen./ In der Spargelzeit war der Bruder weggefahren. „Hildi, sei mir nicht böse… Spanien hat mich schon immer mehr als alles andere interessiert“, hatte er beim Holz schlichten gesagt. Man hatte ihm ein Stipendium angeboten, ihm, mit dem sie zu seinem Fortkommen immer Englisch gebüffelt hatte. Stolze Freude hatte sie ergriffen, dass er nun über das vorgesehene Ziel, die Matura, noch hinauszuschießen schien. „Wie sollte ich wegen sowas böse sein?“, hatte sie also gefragt und der Holzstapel war gewachsen. Manchmal gehörten die Scheite von einem Ort zum anderen sortiert. Bruder Joachim hatte Scheibtruhe noch ausgeleert zum Schluss und dann waren sie noch zum Essen eingeladen gewesen. So früh schon Vorarbeit für den nächsten Winter zu leisten war eine alte Tradition, doch neu war die Feierlichkeit darin. Dass es nicht immer so sein musste. Bald darauf war er abgereist, und Hilde war alleine im Obergeschoss des elterlichen Haushalts wohnen geblieben. Sie wollte weiterhin sparen, um, falls es sie einmal interessieren sollte, ein schönes Studium ergreifen zu können. „Du kannst deine Handarbeiten nicht verkaufen, wie sähe das aus?“, presste die Mutter hervor, als sie es plante. Hilde hinterfragte den Einwurf mit keiner Silbe. Es mochte um Solidität und Bescheidenheit gehen, um den Ruf der Familie. Ihr Eifer erstarb im selben Moment. Also würde die Lage sich nicht verändern. Ihre Mutter hatte alles in gleiche Ordnung gebracht, Natron fand im Haushalt genauso, nach wie vor, Platz, wie neuerdings auch das „Skype“-Symbol am hauseigenen Computer. Beides wirkte mehr und mehr fremd auf Hilde, weil sie nicht darüber verfügte, sondern bloß der Möglichkeit anhing, es als kleinen Schlüssel zu einem winzigen Zeitfenster zu nutzen – Joachim sehen oder Kuchen backen. Sie hatte, äußerlich betrachtet, Zeit en masse… Zeit, um sich Zeit zu sparen, für später. Sie war eigentlich keine leidenschaftliche Bäckerin, noch genoss sie es, durch den Sekretärsjob anderer Leute am Namen zu kennen. „Du wirst deine Kontakte noch brauchen können“, stellte der Vater Zerwürfnisse in den Raum. Aber nichts setzte sich zusammen, also konnte auch nichts zerbröseln. Natron war doch allerhöchstens ein Triebmittel, und man konnte keine Weltordnung an Skypezeiten festmachen. Immer mehr fadenscheinig erschienen Hilde zudem die dumpfen Telefonate, in denen sie beispielsweise für ihre Vorgesetzten lügen sollte./
Also machte sie den Abschluss. Sie zog aus und kam am Weihnachtstisch auf Brathering und Anisbogerl mit einer schlichten Aussage zu Wort: „Mein Leben kann ich nicht unter der Erde sein, nur um nicht zu ihr zu fallen.“ Es war so gesagt, wie eine Gärtnerin und ein Totengräber es verstehen würden… und das war deutlich genug für Hilde selbst, die beide Professionen besser fand, als sich zu verwahren für ihr ganzes Dasein. Da zu sein hieß auch, den Schrei in ihrem Innen nicht lauter werden zu lassen.
© Petra Stoppacher 2025-12-18