Daniele lehnte an der Brüstung der Medici-Brücke und ließ den Blick über den Täufersee schweifen. Das klare Kaiserwetter legte sich wie ein stilles Versprechen über das gefrorene Wasser, das das Sonnenlicht widerspiegelte. Für einen Moment hielt er inne. Er atmete tief ein, sammelte sich, versuchte, Ordnung in das wirre Drängen seiner Gedanken zu bringen.
Seit Tagen schon nagte etwas an ihm. Immer wieder hatte ihn derselbe innere Widerstand eingeholt, sodass sein Weg ihn schließlich nach Fatum führte – in das Kunstviertel, zur Werkstatt jenes Mannes, den man den städtischen Glücksschmied nannte.
Als Daniele in die Anna-Selbdritt-Gasse einbog, fiel sein Blick auf die weißgoldene Schrift im Torrahmen: Carpe diem et carpe noctem. Die Werkstatt war, wie immer, geöffnet. In der Stadt munkelte man, der Glücksschmied kenne keinen Schlaf. Etwas an dieser Vorstellung wirkte befremdlich – und zugleich tröstlich, als sei da jemand, der jederzeit wachte.
Beim Eintreten umfingen Daniele die warmen Noten von Amber und Lilie. Der Duft lag schwer in der Luft, ein Parfum, eigens vom Meister selbst geschaffen. Mit dem Rücken zugewandt saß er an seinem Tisch aus blauem Turmalin, dessen Oberfläche im Spiegelglanz schimmerte. Die Feder in seiner Hand glitt unablässig über das Papier.
Ohne aufzublicken sprach er und deutete mit der freien Hand auf einen Stuhl.
„Willkommen, Daniele. Setz dich.“
Daniele folgte der Aufforderung. Einen Augenblick lang schwieg er, als müsse er erst den Mut sammeln, seine Worte auszusprechen.
„Ich danke Euch, Meister. Mein Kommen ist von Sorgen getragen.“
Der Glücksschmied hielt kurz inne, tauchte die Feder erneut ins Tintenfass und nickte.
„Sorgen gehen selten allein. Sprich.“
Daniele räusperte sich.
„Mein Lehrmeister Lorenzo nennt mich größenwahnsinnig. Ich habe davon gesprochen, nach meiner Schauspiellehre ein eigenes Stück in Auftrag zu geben. Er meint, ich solle mich mit den Rollen begnügen, die er mir zugedacht hat – und ohne ihn wäre ich nichts. Sind meine Träume, mine Ziele… sind sie zu viel?“
Der Glücksschmied legte die Feder beiseite und wandte sich nun ganz ihm zu. Sein Blick war ruhig, beinahe heiter.
„Zu viel?“ wiederholte er leise. „Sag mir, Daniele: Wann hat dir zuletzt jemand gesagt, dein Atem sei zu tief? Oder dein Herzschlag zu kühn?“
Daniele schwieg.
„Träume“, fuhr der Schmied fort, „werden erst dann zu groß, wenn man sie mit fremden Maßstäben misst. Manche Menschen leben ihr ganzes Leben in Häusern, deren Decken sie selbst eingezogen haben – und halten den Himmel darüber für gefährlich. Wenn du mich fragst, lieber Daniele: Zu hohe Ziele gibt es nicht. Es gibt nur die Distanz zwischen Start und Ziel und eben die Zeit, die du brauchst, um diese Strecke zurückzulegen. Blickst du einmal in dich, wirst du in deiner Seele keine Grenzen finden, auch wenn du alle dir darin bekannten Wege gegangen bist. Die Seele ist unendlich – genau so auch ihre Möglichkeiten. Was du träumst, kannst du realisieren. Da gibt es weder zu schöne Träume noch zu große Ziele. Folge deinem Stern, Daniele – stets tüchtig, bedacht und Schritt für Schritt.“
Er erhob sich, trat näher und legte Daniele die Hand auf die Schulter.
„Du wirst Zeit brauchen. Vielleicht Umwege. Vielleicht Zweifel. Doch was aus deinem Innersten kommt, verlangt nicht nach Erlaubnis. Geh langsam, wenn es nötig ist – aber geh.“
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Schließ nun die Augen. Öffne sie erst, wenn du meine Hand nicht mehr spürst.“
Daniele gehorchte.
Als er die Augen wieder öffnete, stand er erneut auf der Medici-Brücke. Der Täufersee lag vor ihm – nicht mehr gefroren, sondern frei und glitzernd im Licht. Verwirrt griff er in seine Manteltasche. Seine Finger umschlossen kaltes Metall.
Ein silbergrauer Kompass kam zum Vorschein. In seine Hülle war in Hochrelief graviert:
Wer seinem Stern folgt, kehre nicht um.
Die Nadel wies nach Süden.
Daniele hob den Blick.
So hatte sich schließlich etwas in ihm gelöst, leise und unaufdringlich, wie Eis, das zu schmelzen beginnt. Ohne weiter zu zögern, richtete er sich nach der angezeigten Himmelsrichtung und setzte sich in Bewegung, den Kompass fest in der Hand, dem eigenen Stern entgegen.