Der Mann im Limbus

Tim Arnold

by Tim Arnold

Story

Der Limbus war ein Ort, dem kein Mensch gerecht werden könnte, sollte man versuchen ihn ausführlich zu beschreiben. Der begrenzte, menschliche Verstand kam hier an seine Grenzen und trieb jeden, der versuchte ihn zu verstehen, in den geistigen Verfall. Es war ein Ort jenseits von Gut und Böse; jenseits von Himmel und Hölle. Ein Ort, an dessen Existenz Gott persönlich zweifeln würde, weil eine solche Skurrilität, eine solche Ansammlung fleischgewordener, abstrakter Abscheulichkeiten keinem transzendenten oder immanenten Wesen entsprungen sein konnte. Und dennoch war er so real, wie du und ich.

Gerüche, die von keiner Menschenseele vorher gerochen wurden und Schrecken, die von niemandem zuvor ertragen werden mussten. Doch glücklicherweise blieb der Limbus gerne für sich. Er genoss die Einsamkeit, die zwischen allem herrschte. Sollte sich aber doch eine Seele auf ihrem Weg in das Himmelsreich verirren und von den spinnenartigen Fängen des Limbus aufgenommen werden, so sollte dieser Aufenthalt auf ewig sein. Um diese Seelen wurde sich gekümmert. Sie wurden behütet und sanft im hungrigen Schoß dieses vergessenen Ortes gewogen, bis sie nur noch eine Hülle ihrer selbst waren.

Dies ist die Aufgabe des Mannes im Limbus. Ob er ebenfalls hier gelandet ist und keinen Ausweg fand oder gar hier erschaffen wurde, weiß niemand. Sicher ist nur, dass er irgendwann in seiner Zeit als Diener dieser Zwischenwelt irgendwann zu mehr wurde. Er wurde zum Teil des Limbus und schöpfte Befriedigung für all seine Bedürfnisse aus dem Leiden der Seelen, die er terrorisierte. Und sei es nur, um kurzfristig dem Einfluss seines Gebieters zu entkommen, der seinen Verstand wie ein Parasit befallen hat. Stück für Stück brach er die unglücklichen Verirrten und setzte die Scherben ihrer Verstände neu zusammen, zu etwas, das diesen Ort gleichzeitig verehrte und verabscheute, genau wie er.

Er scheuchte sie im Kreis, täuschte ihre Sinne, auf der Suche nach einem Ausweg und nutzte ihre Ängste, die sie zu Lebzeiten ansammelten, gegen sie. Er ließ sie genug Hoffnung schöpfen, um nicht aufzugeben, nur um diese kurz darauf zu zertrampeln, wie Ungeziefer, das hier nichts verloren hatte. Irgendwann nahm ihre Verzweiflung überhand und die meisten stürzten sich von den scheinbar unendlich tiefen Steilklippen, die den Anfang und das Ende des Limbus ausmachten, nur um wieder dort aufzuwachen, wo sie sich zuerst vorfanden. Es war ein Zyklus aus ewiger psychischer und körperlicher Folter. Ein Zyklus, an dem sich der Mann im Limbus labte und seinem Gebieter, die Welt zwischen allem Anderem, zu mehr und mehr Macht verholf, auf dass dieser sich eines Tages wie eine Überschwemmung über alles andere ergießen konnte. Es gab kein Entkommen, war man einmal dort. Der Limbus war zu schlau, zu mächtig und irgendwann würde er alles verschlingen. Er würde nicht länger als bloßes Zwischenstück existieren. Er würde mithilfe seines loyalsten Sklaven zu allem werden.

© Tim Arnold 2022-05-01

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