Die Kinderbuchautorin

Sonja M. Winkler

by Sonja M. Winkler

Story
Wien 2026

Der Kinosaal ist gesteckt voll. Das Publikum besteht ĂŒberwiegend aus Frauen, nicht mehr ganz jungen, eher solchen, die mit den Enkelkindern Das Vamperl gelesen haben. Die vorderen Reihen fĂŒllen sich rascher als die hinteren, weshalb, das leuchtet mir ein, findet doch im Anschluss an den Film ein Interview statt mit der in der Doku PortrĂ€tierten und dem Regisseur. Alle wollen sie aus der NĂ€he sehen, die renommierte Kinderbuchautorin Renate Welsh.

Sie betritt den Saal, untergehakt bei einem Mittvierziger, offensichtlich der Regisseur. Sie ist zart. HĂ€lt sich bewundernswert aufrecht mit ihren 88 Jahren. Der schlichte Kurzhaarschnitt lĂ€sst sie jĂŒnger erscheinen. In der ersten Filmeinstellung glĂ€ttet ihr eine Physiotherapeutin die Zornesfalte zwischen den Augenbrauen und streicht ihr die Furchen aus dem Gesicht. Doch sie kehren wieder.

Renate Welsh spricht langsam, wĂ€hlt jedes Wort mit Bedacht. Das Schlimmste nach dem Schlaganfall, sagt sie, sei der Verlust der Sprache gewesen und unglaublich mĂŒhsam, sie wieder in Besitz zu nehmen. Der Sprachverlust habe ihr Ă€rger zugesetzt als – da hĂ€lt sie kurz inne – als der Tod der Mutter. Vier sei sie gewesen, als sie starb. Die kleine Renate, die in Hietzing aufwuchs und nach der Schrift sprach, habe viel Zeit bei den Großeltern im Ausseerland verbracht, erzĂ€hlt sie, aber eine Außenseiterin sei sie dort gewesen, nicht nur wegen der gestochenen Sprache, rothaarig war sie obendrein.

Was ihr als Kind Riesenspaß machte, war, dass sie als Laufbursche ihres Vaters, ein praktischer Arzt, Einblick bekam, wie unterschiedlich Menschen wohnten. Sie ging mit den Rezepten, die der Vater ausgestellt hatte, zur Apotheke und lieferte dann die Medikamente bei seinen Patienten ab. Diese baten sie oft in die Wohnung. Auf gepolsterten Kanapees kam sie zu sitzen, auch auf Kohlenkisten, und die Leute erzĂ€hlten ihr ihre Lebensgeschichte. Zwei Dinge wisse sie seit damals: erstens, dass sich Kinder gerne wichtig fĂŒhlen, denn sie war wichtig, fĂŒr den Vater und seine Patienten, und zweitens, dass Zuhören eine zentrale FĂ€higkeit ist. Wer zuhört, macht die Welt ein bisschen besser. Davon sei sie ĂŒberzeugt.

Martin Nguyen sei ein guter Zuhörer, sagt sie. Das habe sie bei der ersten Begegnung gespĂŒrt, als er einen 16-Minuten-Film ĂŒber seinen langjĂ€hrigen Hausarzt Dr. Shiraz Rabady drehte. Und wie’s der Zufall will, ist der Herr Doktor in „Herr Doktor geht“ niemand anderer als Renates zweiter Ehemann.

Obwohl sie selbst nicht gern im Mittelpunkt steht, sagt sie, habe sie ihre Zustimmung zu der Doku gegeben. 2019 hĂ€tten dann die Dreharbeiten zu Renate begonnen. Dann kamen Covid und der Schlaganfall, und notgedrungen griff Nguyen auf Archivaufnahmen zurĂŒck, die eine jĂŒngere Renate zeigen, wie sie Schreibworkshops anleitet, in Schulen und in der Vinzirast, einfĂŒhlsam Themen aufgreift, die in der Luft liegen, wie sie BergbĂ€uerinnen aus dem GefĂ€ngnis der Sprachlosigkeit befreit.

Wenn sie den Menschen den Mund öffnet, sagt Renate, geht‘s ans Eingemachte.


© Sonja M. Winkler 2026-03-08

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Biographies
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