Als Adam Krug an einem Donnerstagnachmittag über den menschenleeren, von einem eben versiegten Regenguss benetzten Wiener Rathausplatz in Richtung Universität schlenderte, vernahm er plötzlich eine Stimme, die flüsternd und doch lautstark undeutlich rund um ihn herum zu murmeln schien. Krug blieb stehen und lauschte. Er sah sich um, suchte nach der Quelle, aber die Stimme kam von allen Grenzen seines Blickfelds her; gleichzeitig war auf dieser von seinen Augen aufgespannten Bühne niemand zu sehen. Sie, Krugs Augen, erklommen also koordiniert die Rathausfassade, es konnte ja sein, dass der Bürgermeister auf dem Balkon stand, ein Gläschen guten Wiener Wassers schwenkte und sozialdemokratische Pläne vor sich hin brummelte. Doch auch da oben war keiner zu sehen.
Krug schüttelte den Kopf und ging weiter. Es war wohl nur der Wind, der durch die Ginkgos strich und sie so zum Plaudern brachte. Aber Krug wusste, dass es eben nicht so war. Er wusste, da erzählte eine körperlose Stimme und weil Krug ein rationaler Mensch war, der an nichts Übernatürliches glaubte, gruselte ihn der Gedanke, dass es eine logische Erklärung für das Phänomen gab, umso mehr – und mit einem Mal verstand er, was hier geschah.
Hektisch suchte er nach der nächstgelegenen Pfütze. Er wollte ruhig bleiben, doch die Stimme erlaubte es ihm nicht. Eine Pfütze erspäht, setzte er vorsichtig einen Fuß nach dem anderen in ihre Richtung und je näher er kam, desto deutlicher wurde die Stimme. Wie er es befürchtet hatte: Die Stimme sprach durch den feuchten Boden, die feuchte Luft, die dunklen Wolken. Er wagte es kaum aber er wurde gezwungen, sich über die Pfütze zu beugen, als packte ihn ein kalter, erbarmungsloser Griff am Nacken, der ihn zur Unterwerfung zwang.
Dort, hinter dem wässrigen Spiegel, sah er ihn. Den, der Krugs Denken und Handeln bestimmte, der mit jedem Buchstaben, den er tippte, seine Geschichte weiterschrieb. In einen violetten Schimmer gehüllt, saß er an einem Schreibtisch, unaufgeräumt, umgeben von zahllosen Bänden des Duden, einer Banane, einer leeren Kaffeetasse und dem Roman Bend Sinister, der dieser Geschichte Inspiration war.
Adam Krug erschrak, machte einen Satz von der Pfütze weg, aber nun war ihm die Stimme allgegenwärtig verständlich. Er war schockiert über den sadistischen Genuss, mit dem sein Autor ihm Furcht einflößte. Er erzitterte im Angesicht seines Schöpfers; ein Mensch im Machtrausch, der seiner Figur Ängste aufzwingt, die er selbst verspürt, sie sich jedoch nicht erlaubt, und Adam krümmte sich, bekam kaum Luft, ein Knäuel aus Stacheldraht drückte gegen seine Brust, doch ich bin gnädig.
Und lasse ihn vergessen und er vergaß. Er vergaß mich, vergaß die Stimme. Er sog das Petrichor in seine Lungen, lächelte und setzte seinen Weg fort, als sei nichts geschehen. Unwissend, dass seine Existenz mit diesem Satz vergangen war.
© Yannick F. Piwetz 2022-08-29