Die taube Katze und der jaulende Hund

Emge

by Emge

Story

Eine taube Katze führt ein ziemlich normales Leben. Sie weiß nicht, dass ihr ein Sinn fehlt, und außer dem Umstand, dass sie sich manchmal erschreckt wenn sich ihr jemand nähert, weil sie ihn nicht hat kommen hören, kommt sie ziemlich gut klar und lebt eben ihre sieben Katzenleben. Doch für Außenstehende gibt es einen bemerkbaren Unterschied. Sie miaut. Sehr viel mehr und lauter als andere Katzen. Sie krakeelt tagsüber, aber vor allem nachts, vor sich hin und es scheint keinen anderen Zweck zu haben, als dass es Schlaf raubt.

Die Katze von der ich spreche heißt Leonie. Sie war schneeweiß und wurde als Hofkätzchen geboren. Ihre Mutter und ihre Geschwister verschwanden tragischerweise bald und so kam es, dass man sie aus Mitleid aufnahm und mit der Hand aufzog. Dass sie taub war, war aber nicht ihre größte Eigenart. Sie war dafür bekannt, dass sie Porzellan von Arbeitsflächen und Tischen schob und außerdem saß sie mit Vorliebe auf Schultern, und ließ sich am liebsten stundenlang so durch die Gegend tragen, wie eine Hexenkatze auf einem Hexenbuckel. In dem Haus, in dem Leonie nun lebte, gab es einige weitere Tiere. Für diese Geschichte relevant ist nun aber nur ein weiteres; Balthasar; kurz: Balti. Balthasar war ein großer Hund. So einer, vor dem Einbrecher Angst hätten, und der Besuch Angst hatte. Wenn Balti ein fremder Mensch vor die Nase kam, dann bellte er laut und scheinbar unerbittlich. Er war der geborene Wachhund.

Was man aber als fremder Mensch nicht wissen konnte; er war eben auch einer dieser Hunde, der nicht wusste, wie groß und kräftig er war. Innerlich war er ein Welpe geblieben und wollte am liebsten auf dem Arm seiner Menschen durch die Gegend getragen werden. Er liebte seine Menschen. Er begrüßte sie stets schwanzwedelnd und aufgeregt tippelnd und bewachte sie gewissenhaft Tag und Nacht. Balti war der treuste Familienhund der Welt. Nie wieder sah ich so viel Liebe wie in seinen Augen.

Ich denke oft an diese beiden zurück. Sie waren die Tiere, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich war ein Kleinkind, als Balti als Welpe und ein paar Jahre später Leonie als Babykatze zu uns kam. Ich konnte gerade laufen und war auf einer Kopfhöhe mit Balti als ich erfuhr, wie es sich anfühlte, von einem Hund geliebt und behütet zu werden. Ich erinnere mich, wie er freudig auf mich zu kam und mir übers Gesicht leckte. Für Leonie zog ich mich komplett weiß an und wollte ihre Mutter spielen, damit sie sich nicht so alleine fühlte. Ich liebte es, mit ihr zu spielen und trug sie gerne auf den Schultern herum.

Was mir auch im Kopf blieb; ihre Konzerte. Wenn Leonie aus voller Kehle miaute, kam es manchmal, dass Balti jaulend mit einstieg. Und so sangen sie zusammen. Leonie konnte es nicht hören, aber ich bin sicher, sie konnte spüren , dass Balthasar ihr beistand. Noch heute höre ich sie und spüre die Liebe, die sie sich gegenseitig und ihren Menschen gaben.

Wenn es so etwas wie einen Tierhimmel gibt, bin ich mir sicher, dass sie dort heute noch im Duett singen.

© Emge 2022-03-30

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