Die TĂĽrkenkugel

Ulrike Sammer

by Ulrike Sammer

Story

Ich wohne auf einem Höhenrücken am Rande von Wien, nämlich auf der Windmühlhöhe. Das Haus, das an der höchsten Stelle steht, wird von einer stilisierten Windmühle geschmückt. Bis 1870 stand hier noch eine Windmühle und das war auch der richtige Platz dafür. Die Stürme toben stets mit besonderer Kraft, auch um unser Haus. Der Höhenzug zieht sich vom Michaelerberg über die Pötzleinsdorfer Höhe und die Windmühlhöhe zur Türkenschanze. Diese Türkenschanze liegt etwa 80 Meter über dem Niveau der Donau und gehört geografisch zum Wienerwald.

Vor nicht ganz 100 Jahren kaufte mein GroĂźvater diesen Grund, baute ein Haus und legte einen Garten an. Bei diesen Erdarbeiten wurde eine echte steinerne TĂĽrkenkugel gefunden. Wie kam denn die da her?

Bei einer Dachbodenrenovierung fand ich sie wieder und schenkte sie dem Bezirksmuseum. Natürlich interessierte mich ihre Geschichte. Alte Pläne und Bilder brachten mir schließlich die Gewissheit. Ich wohne auf einem Kriegsfeld! Genau hier, auf diesem Aussichtspunkt gegenüber vom Kahlenberg standen die Zelte der Osmanen. Die Zweite Wiener Türkenbelagerung im Jahr 1683 war – wie die erste von 1529 – ein erfolgloser Versuch des Osmanischen Reichs, Wien einzunehmen. Polens König Jan Sobieski kam uns zu Hilfe. Er befehligte das Entsatzheer, dass die osmanische Armee des Großwesirs Kara Mustafa Pascha in der „Schlacht am Kahlenberg“ zum Rückzug zwang.

Unter dem Stadtkommandanten Ernst Rüdiger von Starhemberg wurde Wien, damals Residenzstadt des römisch-deutschen Kaisers, zwei Monate lang gegen ein rund 120.000 Mann starkes Belagerungsheer verteidigt. Zum Entsatz der Stadt verbündeten sich erstmals Truppen des Heiligen Römischen Reiches mit solchen aus Polen-Litauen. Weitere Unterstützung leisteten die Republik Venedig und der Kirchenstaat.

Wiens wirtschaftliche Bedeutung war in seiner Lage am Schnittpunkt zweier wichtiger Handelswege begründet: der Donau und der Bernsteinstraße. Aus militärischer Sicht war Wien zum angrenzenden, durch ausgedehnte Ebenen geprägten Ungarn hin nur schwer zu verteidigen und im Norden, bedingt durch die schwer passierbare Donau, militärisch nur schwer zu unterstützen. Wien verfügte aber über eine eigene große Donauflotte, die einen Nachschub und den Transport von schwerer Artillerie ermöglichte. Strategisch gesehen galt die Stadt als christlicher Vorposten. Damit hatte Wien eine große Bedeutung für die Osmanen, die Wien als ein „Tor nach Westeuropa“ ansahen.

Der lange und sehr grausame Krieg wurde praktisch hier entschieden. Die schweren Kanonen hatten den toten Raum unterhalb des steilen Abhangs der Türkenschanze nicht erreichen können. Ende des 19.Jahrhunderts wurden an der Türkenschanze Massengräber türkischer Soldaten ausgehoben.1683 wurden der Stern und der Halbmond am Stephansdom, der seit 1519 dort die Spitze zierte, heruntergenommen und durch ein Kreuz ersetzt.


© Ulrike Sammer 2022-03-03

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