Hier bin ich, in Berlin, und arbeite daran, die Erwachsene zu werden, die ich mit 35 sein wollte. In meinem Alter hatte meine Mutter bereits zwei Geburten und einen Schlaganfall hinter sich und ich versuche immer noch herauszufinden, wer ich sein will, wenn ich groß bin.
Mein Leben ist eine Geschichte. Ich habe festgestellt, dass das Wesentliche an einer Geschichte nicht der Inhalt ist, sondern wie man sie erzählt. „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera hat es mir beigebracht. Eine simple Geschichte, im Klappentext erfährt man den gesamten Inhalt. Sogar das Ende. Ich will vorher nichts über die Handlung wissen und schon gar nicht, wie es ausgeht. Trotzdem ist das Buch eines der besten, die ich je gelesen habe. Weil die Handlung fast egal ist. Es geht darum, wie Kundera sie erzählt. Um Dinge, die ihm auffallen. Perspektiven, die er einnimmt. Um seine Gedanken, die mich mit Klugheit anstecken.
Ich lebe in Berlin und der Einfluss auf den Inhalt dieses Lebens ist begrenzt. Aber ich kann bestimmen, welche Art Erzählung ich daraus mache. Ich entscheide, ob ich ein Kitschroman mit vorhersehbarer Handlung sein will oder ein Arthouse-Comedy-Drama voll verliebter Details. Ich wähle die Worte, um mein Leben zu beschreiben. Ich habe in der Hand, welche Geschichte ich sein will.
Ich verwirkliche mich durch Kunst. Durch Musik, durch Schauspiel, durch das Wort. Ich verwandle mein Leben in Geschichten, die ich auf Lesebühnen vortrage. Ich werde zu Wörtern, zerspalte mich in tausende davon und dringe durch Augen und Ohren in fremde Köpfe, werde ein Gedanke, vielleicht eine Idee. Es klingt romantisch. Doch wenn ich einen Lesebühnenauftritt habe, bin ich oft die einzige Frau unter fünf Männern, vier davon deutlich älter als ich. Immer am Kämpfen. Ich versuche mich durchzusetzen, kämpfe für meinen Platz im Scheinwerferlicht, kämpfe gegen die Ellenbogen der Männer und die Verurteilung der Frauen im Publikum, die besonders kritisch mit mir sind, weil keine anderen Frauen auf der Bühne sind, mit denen sie sich identifizieren können. Viele identifizieren sich lieber mit den Männern. Mit denen muss man nicht so kritisch sein, es gibt genug zur Auswahl, man kann sich in jeden ein bisschen hineindenken und in der Summe ist das mehr als bei der Frau. Manchmal will ich aufgeben. Aber was, wenn das nur meine Art ist, die Dinge zu erzählen? Kann ich nicht stattdessen sagen: Wahrscheinlich erkennen sich viel mehr Frauen in mir wieder, als ich denke? Welche Erzählung kann entstehen, wenn ich diese Perspektive einnehme? Wenn ich mich von allem emanzipieren will, dann auch von mir selbst und den Listen in meinem Kopf. Ich muss mich abnabeln von den Denkweisen, mit denen ich versuche, mich in ein Genre zu pressen. Kunst ist frei. Ich bin Kunst. Ich muss das Leben genau ansehen, wie Kundera seine Geschichten. Wie meine Mitschülerin Gianna damals in der fünften Klasse die hässlichen Mädchen. Sie hat ihre Schönheit erkannt.
© Jane Steinbrecher 2022-08-17