Also gut, es soll also um Berlin gehen – mal sehen, an was ich mich noch erinnere. Es war 1978, wir waren auf Klassenfahrt, und ich war 17 Jahre alt. Unsere Jugendherberge war in einer eher sittenlosen Gegend von Berlin (oder war ganz Berlin sittenlos?), und in einer nahen Bierkneipe wurden Pornos gezeigt, und 1978 bedeutete das: Super8-Filme, immerhin schon in Farbe, aber wenn ich mich recht erinnere, ohne Ton. Mit Filmprojektor und Leinwand. Für einen 17-jährigen aus der bayrischen Provinz war das eigentlich ein nicht geringer Teil meiner Aufklärung über ausgefallenere Sexualpraktiken – diese Filme waren echt heftig. Außerdem gab es in Berlin die erste Peepshow Deutschlands, und eigentlich hätte ich da nicht hineingedurft, aber Bernd aus meiner Klasse war bereits 18 und sagte dem Türsteher, dass ich genauso alt wäre. Ich habe also eine Mark in das „Minutenglück“ investiert, dann hatte ich alles gesehen und war wieder draußen. Bernd hat mehr Geld dort gelassen, ich musste recht lang auf ihn warten. So, damit ist das Thema „Porno“ aus der Headline erledigt.
Zum Berlinbesuch gehörte natürlich ein Tag in Ostberlin, mit Zwangsumtausch West in Ost. Wenn Wikipedia Recht hat (denn ich kann mich nicht mehr erinnern), waren das 6 Mark 50 pro Person – Münzen aus Aluminium, wie ich sie eher als Spielgeld aus dem Kaufmannsladen kannte. Das Geld habe ich in eine Currywurst und eine Limonade unbekannter Herkunft investiert, und in eine Verfassung der DDR, die ich in einer Buchhandlung erwarb. Sie wurde in raues Packpapier eingeschlagen, als wenn ich etwas Unanständiges oder Verbotenes gekauft hätte. Durfte ich als Westler so was überhaupt besitzen? Ich habe sie dann zurück nach Westberlin geschmuggelt.
Das sind also die drei Ereignisse, die mir in Erinnerung geblieben sind. Aber ich kann mich noch an das Gefühl erinnern, das ich in Ostberlin hatte: Ich war der festen Überzeugung, dass jeder meiner Schritte von Stasi-Beamten verfolgt wird und dass ich hier eigentlich auf Gefängnisbesuch bin. Diese Menschen um mich herum, waren das nur engagierte Schauspieler, die mir zufriedene Insassen dieses Staates vorgaukeln sollten? Der Currywurst-Verkäufer war aber von einer so ausgesuchten Unfreundlichkeit, wie sie kaum gespielt sein konnte. Die Buchhändlerinnen waren so herzlich und hilfsbereit, wie Buchhändlerinnen auf der ganzen Welt sind. Aber vielleicht trügt mich in beiden Fällen mein Erinnerungsvermögen.
Ja, die DDR-Verfassung. Ich habe sie später mit dem Grundgesetz der BRD verglichen. Das westliche Papier war weißer, der Umschlag glänzender. Aber der Inhalt war fast identisch. Kunststück, wenn „das Nähere ein Bundesgesetz regelt“. Aber Menschenrechte, Gleichheit, Religionsfreiheit … alles da, hier wie dort.
Irgendwann habe ich die Verfassung verliehen und nicht mehr zurückbekommen. Und später gab es ja auch die DDR nicht mehr.
40 Jahre später war ich noch mal dort, habe aber nichts mehr wiedererkannt.
© Marcus Jablonski 2022-01-20