âIst der Ruf erst mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniertâ. Gibt es ĂŒberhaupt die weibliche Form fĂŒr Grinch? Wenn ja: Ich bin eine. Zumindest fĂŒr meine junge Kollegenschaft im BĂŒro. Die haben mir diesen Titel nĂ€mlich verpasst.
Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen: Es ist ja nicht so, dass ich Weihnachten hasse. NatĂŒrlich sehe ich auch nicht so aus, wie die zottelige Kreatur aus dem Film ⊠(Obwohl, wenn ich so recht ĂŒberlege ⊠vielleicht sollte ich besser meinen grĂŒnen Mund-Nasen-Schutz erst wieder nach den Feiertagen verwenden?). Schön und gut. Wie komme ich also zu dieser Ehre?
Angefangen hat das Ganze damit, als ich mal die Geschichte erzĂ€hlte: âWie ich meinen Kindern den Weihnachtsbaum abgewöhnteâ. Von der Riesentanne, die Harzspuren am Plafond hinterlieĂ, ĂŒber immer kleiner werdenden Exemplare, bis zum endgĂŒltigen Aus.
Edvard Munch’s âDer Schreiâ ist wohl die beste Beschreibung fĂŒr die Gesichter am Ende meiner ErzĂ€hlung. Vielleicht hĂ€tte ich auch ein bisschen mehr hervorheben sollen, dass die Story ein jahrelanges Projekt bis zum Erwachsenwerden meiner Kinder war. Da war’s aber schon zu spĂ€t. Schöne Bescherung. Heilig Abend ohne Baum? Geht gar nicht.
Schwups, die Diskussion war eröffnet: Von Kerzen, Keks und GlĂŒhwein, Tradition, Glaube, Liebe, Hoffnung, leuchtenden Kinderaugen, Vor- und Freude am Schenken bis hin zu UmweltsĂŒnden, Konsumwahn und Doppelmoral. Alles wurde eingehend durchgekaut.
RĂŒckblickend betrachtet, wĂŒrde ich sagen, dass einige Töne, die ich dabei von mir gegeben habe, sicher fĂŒr manche Ohren schrĂ€g geklungen haben. Aber verquerte Dinge, die mir nicht schmecken, muss ich einfach ausspucken. Das liegt mir sonst im Magen.
In der Zwischenzeit kennen mich meine Kolleginnen gut genug, um zu wissen: ‘Bellende Tamara’s beiĂen nicht’. Aber in der Vorweihnachtszeit lĂ€sst man sie am besten in Ruhe. Kleine Neckereien ausgenommen:
PĂŒnktlich am 24. Juni werde ich daran erinnert, dass bald das Christkind vor der TĂŒr steht. Schon im Oktober muss ich Wham ĂŒber mich ergehen lassen, wofĂŒr ich mich im Gegenzug mit ausgiebigem LĂ€stern ĂŒber die jĂ€hrlich ĂŒppige Weihnachtsdeko rĂ€che. Ansonsten bleibe ich in meiner zugeteilten Rolle, verdrehe ab und zu die Augen und grummle ein bisschen vor mich hin.
Kurz vor Weihnachten setzt dann sowieso still und heimlich die Metamorphose ein: Eine Verwandlung vom Weihnachtsbengerl zum Weihnachtsengerl.
Ich bastle Geschenke, backe ein paar Kekse und freue mich darauf, wenn’s heiĂt: Ihr Kinderlein kommt (aber nur zum Weihnachtsbraten). Dass, seit ich Oma bin, wieder ein winzig kleines ChristbĂ€umchen unser Wohnzimmer aufhĂŒbscht, verrate ich erst bei der nĂ€chsten Weihnachtsfeier.
Hab schlieĂlich einen Ruf zu verlieren.
© Tamara Hoheneder 2021-12-05