Es waren einmal drei Brüder – so fangen alle Märchen an. Doch heute – drei Brüder auf einem wunderschönen Landgut, das Haus fast wie ein Schloss, mit ihrem Vater. Die Mutter hat die Familie verlassen, die drei Brüder waren noch Kinder. Kein Märchen – bittere Realität. Der Vater, Alleinerzieher, streng, aber gerecht, immer höflich, beherrscht. “Lügen hasse ich, nur dann gibt es eine Strafe!” Perfektion angesagt, doch auch Liebe – er liebt seine Kinder. Das älteste Kind, das bin ich, nun erwachsen. Auch meine zwei Brüder leben noch – mit dem Vater und mir – auf dem heimischen Gut. Eine Idylle? Nein, Märchen gibt es nicht.
Ich studierte Geschichte und wollte nun die unseres Familiengutes aufarbeiten. Es sei seit 200 Jahren im Besitz unserer Familie, laut meinem Vater. So begab ich mich, nachdem ich im oberen Teil des Hauses nichts gefunden hatte, in den Keller. Es müsste doch ein Archiv, alte Urkunden, Schriften, Briefe, vielleicht auch persönliche Dokumente geben. Nichts! In einer verstaubten Schachtel, versteckt in einem verrosteten Eisenrohr, ein Dokument. Gut Schönau, so heißt unser Anwesen, erworben am 12. Februar 1942 aus dem Besitz der Familie Stein zum Preis von hunderttausend Reichsmark. Ein Pappenstiel für so ein großes Anwesen. Mir verschlug es den Atem. Alles Lüge! Mein Leben eine einzige Lüge! Ich packte das Dokument vorsichtig in eine Mappe, trug es ins Arbeitszimmer meines Vaters und legte es auf seinen Schreibtisch! Zwei Stunden später: “Ulrich”, das bin ich, “kommst du!” Voller Wut, aber auch Verachtung meinem Vater gegenüber, hatte ich mir in der Zwischenzeit meine Pistole aus dem Safe geholt. Er schrie mich an: “Alles eine Lüge! Eine Fälschung! Woher hast du das Papier?” Ich erstarrte, und “was liegt unter dem Dokument, hast du das angeschaut?” Ein Foto, mein Vater im Kreise der Getreuen von A.H.! Er erbleichte, stotterte….”du musst das verstehen, andere Zeiten,,,,,”.”Ein Verbrecher bist du, ein Lügner und Betrüger. Was ist aus den Vorbesitzern geworden?” Er schwieg, dann – flüsternd: “Alle tot.” Ein Schuss, über den Beweismitteln lag er, zusammengebrochen, tot.
Meine Brüder stürzten herbei: “Was ist los? Was hast du gemacht?” Ihr seid frei, unser Leben war eine einzige Lüge, geht hin, wohin ihr wollt, unser Vater ist nicht mehr mein Vater! Ich stelle mich der Polizei!” Mein jüngerer Bruder:”Ich will erforschen, ob es noch Nachkommen gibt. Vater hat gelogen und betrogen, ich will das Gegenteil bewirken.” Mein jüngster Bruder: “Ich breche auf und will unsere Mutter suchen, vielleicht finde ich sie und wir erfahren ihre Wahrheit.”
Kein Märchen, doch vielleicht wird es wahr und meine Brüder erschaffen ein gutes Ende. Für mich – Mord ist keine Lösung, ich weiß, und werde für den Vatermord den Rest meines Lebens büßen.
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© Christa Mittermayer 2025-09-28