Frühling am See

Ulrike Puckmayr-Pfeifer

by Ulrike Puckmayr-Pfeifer

Story
Podersdorf am See 2025

Die Tage werden länger. Die Temperaturen steigen. Heizen wird bald überflüssig. Die Winterkälte zieht sich zurück. Die dicken Wintermäntel werden in den hintersten Ecken des Kleiderkastens verstaut. Die Narzissen sind im Garten aus der Erde gebrochen und leuchten mit ihrem intensiven Gelb den Frühling ein. Die Knospen an den Bäumen, zum Zerplatzen prall, drängen Ihrer Entfaltung entgegen.

Die milde Frühlingssonne hat mich hinaus gelockt, zu einem Ausflug ermuntert, das noch winterkühle Haus zu verlassen und mit dem Bus nach Podersdorf am See, dem Ort meiner Kindheit und Jugend, zu fahren. Sehnsucht nach dem See hat mich erfasst. Erwartungsvoll steige ich in den Bus. Nur ein paar Stationen trennen mich vom Strand, an den es mich hinzieht. Ich bin nicht allein im Bus. Menschen verschiedenen Alters sitzen da, mit entspannten Gesichtern, auf denen sich Frühlingsgefühle spiegeln.

Ich genieße die Fahrt durch die flache burgenländische Steppenlandschaft, die in ihrer unendlichen Weite an den Himmel zu grenzen scheint. Die Bäume noch kahl, die Felder schon gepflügt und bereit für die nächste Aussaat. Die Sonne blendet mich fast. Gut, dass ich meine Sonnenbrille mitgenommen habe. Ich setze sie auf. Sie taucht die Welt in einen zarten, die Augen schonenden Schleier. Ich könnte ewig so weiterfahren, an diesem Fensterplatz sitzend, den Blick auf die vorbeiziehende Landschaft gerichtet. Die Gespräche der Mitreisenden im Hintergrund als sanfte Begleitmusik. Ich fühle mich federleicht, frei und glücklich.

Viel zu schnell ist der Bus am Strandplatz in Podersdorf am See angelangt. Ich und noch andere Reisebegleiter:innen steigen aus. Alle drängen dem See zu, der in der Ferne wie verzaubert glitzert, von der Sonne in warmes Licht getaucht. Ich lasse mich mitreißen von dem Menschenstrom, der sich zielsicher zum See hinbewegt, zum Steg, an dessen Ende der berühmte Podersdorfer Leuchtturm zu sehen ist. Viele Menschen sind am Steg an diesem Sonntagnachmittag. Alte, junge, Kinder mit ihren Eltern, Jugendliche. Sie alle wollen den Frühling am See sehen, spüren, riechen, hören. Mit allen Sinnen wahrnehmen. Es ist windstill, die Oberfläche des Wassers ruhig, fast unbewegt. Nur ein ganz leises, kaum wahrnehmbares Plätschern ist zu hören. Die milde Luft riecht nach Frühling. Ich atme tief aus und lasse den alten Seelenballast von mir abfallen. Mit dem Einatmen fließen neue Energie, Hoffnung und Lebensfreude in mich hinein.

Die Restaurants und Kaffeehäuser haben noch geschlossen. Und doch sehe ich da und dort Eis essende Menschen an mir vor vorbeigehen, mir entgegenkommen. In der Ferne sehe ich eine Menschenansammlung. Dort wird es wohl Eis geben, denke ich mir. Ich habe aber keine Lust darauf, will nur den Frühling am See in mich aufnehmen und sonst gar nichts. Kurz setze ich mich auf eine Bank, die schon milder gewordene Nachmittagssonne scheint mir ins Gesicht und berührt mich zärtlich mit ihren Strahlen. Ich schaue auf die Uhr. Zeit für die Rückfahrt. Ich gehe zur Bushaltestelle. Viele Menschen warten dort. Dann kommt der Bus. Ich steige ein, zeige dem Busfahrer mein Klimaticket und setze mich an einen Fensterplatz. Die Sonne versinkt wie ein riesiger glutroter Ball am Horizont, während der Bus durch die Landschaft fährt.

© Ulrike Puckmayr-Pfeifer 2025-03-10

Book Category
Travel
Moods
Hoffnungsvoll, Inspirierend, Entspannend
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