by Bolle
Vor einem halben Jahrzehnt hatte ich Fußpilz. Es war unverkennbar, aber ich schämte mich so sehr, dass ich zunächst nicht zu Ärztin oder Apotheke ging, sondern hoffte, dass es sich durch Nichtbeachtung verdrängen ließe. Als ich schließlich doch zur Ärztin ging, schalt sie mich, dass ich nicht früher gekommen war. Die Oberseite meiner Füße sah kaum mehr nach Fuß aus, völlig entzündet, aufgerissen und ekelhaft. Die Ärztin fragte, wie ich überhaupt noch laufen könne, es müsse ja fürchterlich wehtun, so weit wie der Pilz mit seinem Fußeroberungsfeldzug fortgeschritten war. Ich weiß, dass es in der Tat überaus schmerzte und ich weiß auch noch, wie vorsichtig ich zur Praxis geschlichen war, die Zähne zusammenbeißend und mit Tränen in den Augen. Aber ich erinnere mich nicht wirklich an die Schmerzen.
Ebenso wenig erinnere ich mich an die Schmerzen, die ich gehabt haben muss, als ich mir einst die Füße wundlief. Das war noch vor dem Fußpilz, vielleicht ein halbes Jahrzehnt früher, ich ging noch zur Schule. Ich wollte den Jugendlichen M besuchen, doch wegen mangelhaften öffentlichen Nahverkehrs war mein Zeitfenster begrenzt. Es war zwar noch nicht spät, aber ich musste erst mal von der Kleinstadtschule in das mir verhasste Dorf gelangen, in dem ich wohnte, dann die Hälfte des Dorfes mit Gratiszeitungen versorgen, dann zurück in die Kleinstadt und von dort nach Wanne-Eickel, um dann am Abend mit dem letzten Bus des Tages wieder ins Dorf zurückzugurken. Eine irrsinnige, tagesfüllende Rumgurkerei also. Und da just zu der Zeit, in der mein Unterricht an diesem Tag endete, für zwei Stunden kein Bus fuhr, beschloss ich die zehn Kilometer nachhause eben zu laufen. Nun hatte ich damals die Angewohnheit hohe Schuhe zu tragen, Stöckelschuhe, um meine Beine optisch zu verlängern, während ich cool in der Gegend rumstand. Nach dem ersten Kilometer laufen zog ich mir die Dinger von den Füßen. Es war ein heißer Sommertag. Unter meinen nackten Fußsohlen brannte der Asphalt, der in Form eines kilometerlangen Fahrradwegs zwischen Feldern und Bundesstraße in der prallen Sonne schmorte. Halb gehend, halb rennend hetzte ich vorwärts, immer weiter geradeaus. Als ich zuhause ankam, müssen meine Fußsohlen schon recht zerfetzt gewesen sein. Aber ich hatte ein Ziel und ich war stur und so jagte ich zwei Stunden durchs Dorf und quetschte ungewollte Printmedien in Briefkästen. Dann wieder nach Hause, Tasche schnappen und zur Haltestelle rennen. Als ich mit zitternden Beinen in den Bus stieg, begriff ich erst das Ausmaß meines Wahnsinns. Blasen waren entstanden, waren geplatzt, neue Blasen waren entstanden; meine Fußsohlen waren ein Schlachtfeld. Aber ich schaffte es zum Jugendlichen M.
Ich sollte besser auf meine Füße achten, denke ich jetzt, und lege sie schnell irgendwo hoch. Wer weiß, was sonst als nächstes passiert – ein halbes Jahrzehnt nach dem Fußpilz.
© Bolle 2022-08-31