Gelwelt

Nicola Anghileri

by Nicola Anghileri

Story

„Leute, schaut, wieder einer dieser Wirbelfische. Ich wüsste ja echt gerne, was mit denen los ist“, kommentierte Helia Lamradas letzten Sprung.

„Du weißt doch, was mit denen los ist, du Dumme“, entgegnete Anrid und schlug sich gespielt auf die Stirn.

„Jaja, klar, aber ich würde gerne in den Kopf eines Fisches schauen und seine wahren Beweggründe sehen.“

„Da gibt es nichts zu sehen, das ist nur ein dummer Fisch.“

„Irgendwie glaube ich das nicht“, sagte Helia nur. Eigentlich waren sie auch nicht hier, um den Fischen beim durch die Luft Segeln zuzuschauen, sondern um zu trainieren. Als sie nach etwa zwei Stunden genug hatten, drückten alle gleichzeitig auf ihren Bauch und man sah, wie weit über ihnen dieses Gel, aus denen auch ihre Slidingschuhe bestanden, in einem zylinderförmigen Liftschacht langsam zu ihnen herunterfloss. Im Wasser leuchtete ein fluoreszierender Kreis auf, um ihnen anzuzeigen, wo der Gel-Liftschacht auftreffen würde. Sie versammelten sich in diesem Kreis und ließen sich vom zylinderförmigen Gel einschließen. Dann stieg das Wasser im Zylinder an und mit ihm wurde die Gruppe um Helia wieder nach oben in die Stadt Bumria transportiert. Kurz bevor sie oben ankamen, öffnete sich ein Loch in der Decke über ihnen und sie wurden direkt in einen leeren, weißen Raum gehievt. Unter ihnen schloss sich der Boden wieder und das Wasser, das mit ihnen hochgereist war, floss ab. Anrid stellte sich an einen unbestimmten Punkt im Raum, stampfte einmal stark auf den Boden und vor ihm wuchs ein Gelbildschirm heran, der kleinsten Poren im Boden entsprang.

„Geil, sie haben ein neues Massage- und Waschprogramm aufgeschaltet“, sagte er und klickte es an. Sobald er das getan hatte, wuchs das Gel wie Efeu an seinem Körper entlang hoch, bis es ihn ganz bedeckte. Nur die Augen, die Nase und der Mund blieben frei. Das Massage- und Waschprogramm startete: Zuerst löste das Gel die Kleider auf und wusch dann den ganzen Körper mit sachten Bewegungen. Anrid grinste bis über beide Ohren vor Wohlgefühl. Er sah aus wie ein kleines Kind, das sich gerade in der Süßigkeitenecke eines Geschäfts kulinarisch ausgetobt hatte, ohne dass es jemandem aufgefallen war. Es bot einen seltsamen Anblick, nackte Menschen in einem riesigen Raum umherstehen zu sehen und dann noch in diesen Gelkokons. Man erwartete schon fast, dass sich zumindest eine Person der Gruppe in einen Schmetterling verwandeln würde. Doch als das Programm fertig war und die Gruppe tief entspannt und wieder frisch aus dem Gelkokon entlassen wurde, hatte niemand Flügel. Dafür hatten sie wieder Kleider an, die ihnen wie angegossen saßen, aus dem einfachen Grund, dass sie auch wirklich angegossen worden waren, nachdem sie auf dem Gelbildschirm gewählt worden waren. Helia schaute Anrid kopfschüttelnd an und sagte: „Schon wieder so eine hässliche Krawatte!“

„Hey, die ist nicht hässlich!“, wehrte sich Anrid. „Die ist wunderschön.“

© Nicola Anghileri 2022-08-22

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