Niemals nannten wir unsere Großmutter Oma sondern immer Großmutter. Als mein jüngerer Bruder gerade sprechen lernte, war ihm dieses Wort zu kompliziert, so wurde daraus ‚Gosmos‘. Dabei blieb es auch für uns, seine Schwestern.
Gosmos war klein, rundlich, ihre Haare auch im Alter nicht ganz weiß, und jedes Haar, das sie ausfrisierte, wurde gesammelt und ihr Knoten am Hinterkopf damit aufgepolstert. Ich kenne sie nur lächelnd. Wenn sie uns umarmte, hatte ich das Gefühl, von oben bis unten in Liebe eingehüllt zu werden. Nichts verriet, wie hart sie im Nehmen war.
Klementina stammte aus einem kleinen polnisch-sprachigen Dorf, das zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte. Sie war das zweite von zwölf Kindern einer bäuerlichen Familie. Schon mit zehn Jahren wurde sie nach Wien geschickt, um sich dort durch harte Arbeit im Geschäft ihrer Tante ihr tägliches Brot zu verdienen. Während des ersten Weltkriegs wurde sie wieder nach Hause geschickt, nach Ende des Krieges wieder nach Wien zur unbarmherzigen Tante. Klementina wäre gerne zur Schule gegangen, aber mehr als ein Jahr in einer Wiener Schule wurde ihr nicht gestattet. Sie war sehr fromm, also dachte sie daran in ein Kloster einzutreten, wo sie auch eine Ausbildung bekommen könnte. Zu ihrem Leidwesen erfuhr sie, dass sie ohne Mitgift nur niedrige Arbeit tun könnte. Klementinas Bildungshunger siegte über ihre Frömmigkeit.
Das Schicksal war ihr gnädig. Eine Kundin ihrer Tante war von ihrem einnehmenden Wesen so beeindruckt, dass sie sie ihrer Tante abwarb und als Hausmädchen einstellte. Mehr noch: sie ließ sie Weißnäherei lernen und sie nahm sie zur Sommerfrische mit. Dort wurde ein nicht mehr ganz junger Mann auf sie aufmerksam und hielt bei ihrer Herrschaft um ihre Hand an.
Sie heirateten. Klementina kannte die Leiden der Ehe schon von ihrer Mutter her, die Freuden blieben ihr versagt. Dazu hatte Großvater auch wenig Talent. Er schlug Hund und Kinder. Klementina gebar eine Tochter und zwei Söhne. Sie selbst blieb von Schlägen verschont. Er baute ein auch für die damalige Zeit altmodisches und unpraktisches Haus ohne Bad, dafür mit Plumpsklo. Der große Gemüse- und Weingarten hatte keine Bewässerung. Er ließ Frau und Kinder schuften.
In der Nazizeit versorgte sie heimlich Flüchtlinge, die sich in der nahen Scheune versteckten, obwohl sie selbst als ‚Polin‘ als verdächtig angesehen wurde.
Klementina war oft krank, bewahrte aber ihr optimistisches Gemüt. Ihren Lernhunger stillte sie mit den Sammelbänden der ‚Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens‘. Sie sprach akzentfrei Deutsch und schrieb fehlerfrei. Von ihr lernte ich, wie religiöser Glaube Halt im Leben geben kann. Nach dem Einkauf ging sie in die Kirche, sah sehnsüchtig zum Altar, die Tränen flossen. Nach ein paar Minuten wischte sie die Tränen ab, lächelte, und das Leben ging weiter.
Sie überlebte ihren Mann um zehn Jahre. Mit 78 Jahren ging sie an den Ort, dem ihre tiefste Sehnsucht galt.
© Gertraude Vymetal 2019-04-11