Eng sind die Gassen von Marrakesch. Wer sich durch sie hindurchschlängeln kann, beweist Mut, Geduld und Orientierungssinn. Straßennamen, Nummern sucht man im Souk meist vergebens. Nur der Turm der Koutoubia-Moschee ragt wie ein Leuchtturm in dem wirren Menschen- und Tiergetümmel hervor. Wer einmal den Duft eines Souks in seiner Seele aufgenommen hat, den lässt der Charme des Orients nicht mehr los. Das Rad der Zeit ist zurückgedreht, wenn Gewürze die Sinne benebeln. Harissa, Cumin, Safran, Koriander, Ras El Hanout, Sumac türmen sich um die Wette mit Teekannen aus Zinnblech, den Teppichen und Kaftans links und rechts vorm Auge. Der Minztee verströmt seinen Duft. Wer neugierig genug ist, verlässt den unbefestigten teils erdigen Pfad und wagt sich tief hinein, in die eine oder andere Ecke einer jahrhundertealten Karawanserei. Dort sitzt ein junger Mann im Schneidersitz am Boden und schmiedet an einer Gürtelschnalle. Ein alter Mann trinkt seinen Chai und dreht gedankenverloren seine Misbaha zwischen seinen Fingern. Man muss sehr achtsam sein, das Ohr allein bewahrt einem nicht vor dem möglichen Zusammenstoß mit wild hupenden und für die Gassen in viel zu hoher Geschwindigkeit fahrenden Mopeds, dessen Pedale von den Einheimischen nicht selten noch barfuß geschalten werden. Die Farbenpracht macht so manches Auge blind, wenn der Betrachter aus seinen Tagträumen gewaltsam beim Anblick eines mit blutigen Stierköpfen gefüllten Karren erschrickt. Auch das ist Marrakesch. Mit seinen tausenden Touristen und Touristinnen aus aller Welt, die sich an seinen heißen Tagen mit tiefausgeschnittenen Dekolletes und knapp unter den Pofalten endenden Shorts dicht aneinander drängend an der tausendjährigen Kultur ergötzen. Sie haben sich schon längst ihre eigenen Riads gebaut. Mit Concept-Stores, in denen sich Orient und Okzident vermengen. Das Herz der Marokkaner ist großzügig, es nimmt den Fremden auf. Er wird zum Freund. Habibi.
Ein arabisches Sprichwort sagt: Wer keinen Freund besitzt, ist ein Fremdling in seiner eigenen Stadt. Sie rufen dir im Verkehrschaos zu: „Pass auf, man fährt dich sonst über den Haufen“. Und du denkst, nichts lieber als das und auf ewig in dieser aufregenden und pulsierenden Stadt begraben zu werden.
© CamilleChagon 2021-03-29