by Andrea Weiss
Kürzlich habe ich ein Wort kennengelernt, das es mir sofort angetan hat; eine befreundete Autorin hatte dem Begriff eine Geschichte gewidmet: Unsicherheitskompetenz. Als sie mir selbige dann später attestiert hat, nahm ich das als Kompliment. Der Anlass dafür war mein Eingeständnis, dass ich die korrekte Schreibweise eines verwendeten Wortes nachschlagen musste.
Da die Unsicherheitskompetenz im Duden nicht aufscheint, habe ich auf meine Rückfrage hin erfahren, dass sie das Wort selbst kreiert hatte. Seine Bedeutung ist so simpel wie absehbar, es benennt die Fähigkeit, seine Unwissenheit oder Unsicherheit einzugestehen und sich zu informieren – egal ob mittels nachlesen oder nachfragen.
In manchen Situationen muss ich allerdings feststellen, dass meine Unsicherheit stärker ausgeprägt ist als die Kompetenz, damit umzugehen. Widerspricht mir beispielsweise jemand in einem Gespräch inhaltlich, befallen mich fast regelhaft Zweifel … ist mein Wissen zu diesem Thema schon veraltet … habe ich es mir über die lange Zeit doch falsch eingeprägt … habe ich bei dieser Fernsehsendung neulich nicht richtig aufgepasst … war ich bei diesem letzten Vortrag womöglich unkonzentriert … habe ich bei der Erklärung des Automechanikers doch etwas falsch verstanden … habe ich ein Detail überhört, eine Zahl falsch gemerkt oder einen Zusammenhang verdreht?
Ich stehe nicht an, meine Zweifel einzugestehen, der Andere – überzeugt von seinem Wissen – behält recht. Nur allzu oft stellt sich nachträglich heraus, dass mein Wissen goldrichtig und auch korrekt wiedergegeben war. Warum also lasse ich mich so leicht verunsichern, auch und gerade im beruflichen Umfeld? Liegt es im Wesen meiner Generation – oder ist es gar eine weibliche Eigenschaft? Vielleicht möchte ich aber auch einfach eine Situation wie die folgende bestmöglich vermeiden.
Eine junge, sehr selbstsicher auftretende Kollegin gab mir auf meine Frage zu einem mir fachfremden Detail im Brustton der Überzeugung eine Auskunft. Bei der Besprechung in einer anderen Abteilung stellte sichgleich darauf heraus, dass ihre Information schlichtweg falsch gewesen war. Als ich ihren Irrtum wenig später mit ihr klären wollte, erklärte sie mir, sie habe es selber nicht gewusst, aber irgend etwas habe sie mir ja sagen müssen, um nicht blöd dazustehen.
Meine Unsicherheitskompetenz, nachzulesen oder nachzufragen, wenn ich etwas nicht weiĂź oder verstehe (oder auch einfach zuzugeben, dass ich es nicht weiĂź), werde ich behalten. Am Gleichgewicht von Unsicherheit und Kompetenz nehme ich mir vor, zu arbeiten.
© Andrea Weiss 2020-09-24