“Ich liebe dich nicht mehr” (3)

Canyon

by Canyon

Story

„Mummy, wo ist der Hund?“

„Den hat Terry weggebracht. Damit er nicht noch mehr Hühner reißt.“

„Wohin hat er ihn gebracht?“

„Zurück zu seinem Besitzer. Ich glaub, er weiß, wo der wohnt.“

Bullshit! Wenn genug Wasser im Pool gewesen wäre, hätte er ihn hier an Ort und Stelle ersäuft. So hat er ihn ins Auto geladen und die Szene ist uns erspart geblieben. Wahrscheinlich sucht er ein tieferes Gewässer, oder eine Autobahn. Ich kann gar nicht dran denken, mir wird übel davon. Aber er ließ einfach nicht mit sich reden, sagte einfach „Ja, ja“ und fuhr mit Leo und dem Hund davon. Dabei ist er gar nicht so ein harter Typ, eher ein Softy mit großem Herz und kaum fähig, Nein zu sagen. Aber er liebt eben seine Hühner über alles.

Gut. Dank dem Hund brauchen wir heute nicht einkaufen zu gehen. Rupfen werd ich die Viecher nicht, aber kochen schon. Hoffe nur, sie waren noch jung genug, um uns nicht zwischen den Zähnen stecken zu bleiben. Ob solche, von einem inzwischen wahrscheinlich toten Hund erlegte Hühner allerdings überhaupt schmecken können, wird sich erst weisen. Irgendwie überwiegen da meine Zweifel.

Die Kids sind Goldstücke. Ständig mit irgendwas beschäftigt, rund um die Uhr zufrieden, völlig unkompliziert, was fremde Sprachen anbelangt. Mir kommt oft vor, als würden sie besser Spanisch verstehen, als ich trotz Sprachunterricht. Wenn Leo oder irgendein anderer von Terrys spanischen Freunden etwas Augenblicksbezogenes sagt, so wissen sie immer, was los ist. Irgendwie scheint ihnen der viele Ortswechsel nichts anzuhaben. Irgendwie scheinen Paul und ich doch noch so etwas wie Familiensicherheit auszustrahlen, obwohl wir eigentlich nur mehr nebeneinander her leben.

*

Die Hühner haben niemandem geschmeckt. Und das lag nicht an meinen Kochkünsten. Wäre der Hund noch am Leben, so hätte er eine doppelte Portion Reste bekommen. So bekommt sie wahrscheinlich das überlebende Federvieh. Gott, ist das Leben absurd!

Es ist seit Stunden Party. Paul hat unser 90 Watt Soundsystem ausgepackt – ja, es ist unglaublich, was bei guter Organisation so alles in einen zehn Meter Reisebus passt – und macht den DJ. Es sind ein paar Leute da, ich bin die Einzige, die tanzt. Geht nicht anders bei diesem Sternenhimmel und diesem Sound und dieser Luft und dieser Sehnsucht nach alten Freunden und diesem Dope, dunkel, klebrig und frisch aus Marokko. Ich tanze für alle zu Hause gebliebenen, für alle, die ich jetzt gerne hier hätte, und je mehr ich tanze, desto bewusster wird mir meine Freiheit wieder, diese unglaublich belebende Freiheit von Sesshaftigkeit! Die Freiheit, unter spanischen Sternenhimmel zu tanzen und warme Nachtluft zu atmen, mich um nichts zu kümmern, als die unmittelbaren menschlichen Bedürfnisse. Der Genuss zu wissen, dass ich gerade lebe, erlebe, dass ich nicht halb tot im Rad der Eintönigkeit und Langeweile und Ereignislosigkeit gefangen bin, sondern mich durch mein Leben bewege und mir dessen auch bewusst bin.

© Canyon 2021-03-27