Ich: Über Chaos und die Suche nach Zuhause

ESTEFANIA LOPEZ

by ESTEFANIA LOPEZ

Story

Es gibt Tage, da bin ich mir meiner selbst sehr bewusst.
Und dann gibt es andere Tage, an denen mir dieses Bewusstsein entgleitet.

Ich hatte nie das Gefühl, ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu brauchen.
Ich habe mich immer als ein Kind der Welt betrachtet. Als Tochter einer spanischen Migrantenfamilie wurden mir von Geburt an zwei Zuhause geschenkt: Hier in Deutschland. Und dort in Spanien. Aber wo gehöre ich wirklich hin?

Diese Frage ist nicht nur persönlich. Sie ist auch philosophisch. Teil einer größeren Debatte der ewigen Suche nach dem Sinn des Lebens. Viele große Denkerinnen und Denker der Geschichte haben, so scheint es mir, versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben:
Was macht das Leben sinnvoll und was hat das eigene Sein damit zu tun? Man denke an Aristoteles mit seiner Idee der „menschlichen Funktion“, an Thomas von Aquin mit der seligmachenden Vision, oder an Kant mit dem Konzept vom „höchsten Gut“. Diese Gedanken haben Einfluss auf unser Verständnis von Glück, Moral und Lebensführung.
Doch letztlich wirken sie wie idealisierte Berichte darüber, welches Ziel der Mensch erreichen sollte, um ein bedeutungsvolles Leben zu führen. Aber ist es nicht genau das, was einen enormen sozialen Druck erzeugt auf ein einziges Individuum?
Müssen wir wirklich das eine Ziel oder das eine Sein haben, um ein erfülltes Leben zu leben?

Leben und leben lassen. Der Sinn des Lebens kann Entscheidungen lenken, Verhalten prägen, Ziele formen und Orientierung geben.
Für manche Menschen liegt dieser Sinn in ihrer Berufung in erfüllender, sinnvoller Arbeit. Für andere in der Verantwortung gegenüber ihrer Familie, ihren Freundschaften, ihren Wurzeln. Wieder andere finden ihn in der Spiritualität, im Glauben oder in der Stille des Alleinseins.

Das amerikanische Pew Research Center stellte Ende 2017 zwei zentrale Fragen zum Thema Lebenssinn. In der ersten Umfrage wurden US-Bürger gebeten, in ihren eigenen Worten zu beschreiben, was ihr Leben sinnvoll, erfüllend oder befriedigend macht. In der zweiten sollten sie bewerten, wie viel Bedeutung sie ihrem Leben beimessen. In beiden Studien war die häufigste Antwort: Familie. Danach folgten Beruf und Wohlstand. Aber all diese Lebensbereiche sind nur große Überschriften. Sie lassen die vielen kleinen, feinen Nuancen aus; die leisen Stimmen, die tief in uns wirken. Was passiert, wenn sich in einem dieser Bereiche etwas verändert? Wird das Leben dann weniger lebenswert? Verlieren wir unser Zugehörigkeitsgefühl sogar gegenüber dem eigenen Leben? Ich habe mich verändert. Und du wirst es auch. Denn dein Lebenssinn verändert sich ständig.
Je mehr du über dich selbst und die Welt erfährst, desto mehr wirst du anders fühlen, denken und handeln. Deine Wahrheit heute ist nicht deine Wahrheit morgen. Was dich bewegt, berührt vielleicht den Menschen neben dir überhaupt nicht.
Und selbst wenn du glaubst, du hättest endlich verstanden, was dein Lebensziel ist,
das Leben wird es dir irgendwann wieder infrage stellen. Dein Lebensziel ist dein Beitrag an dich selbst.

© ESTEFANIA LOPEZ 2025-09-24

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Novels & Stories
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