by Siegi Kaml
Wenn man aus dem Norden Irans in die südliche Zentralprovinz Fars kommt, merkt man sogleich ein milderes Klima, fruchtbarer Boden sorgt für Blütenpracht und Gartenkultur, und die Stadt Shiraz blüht seit Jahrhunderten zu kultureller Hochform auf.
Die einflußreichen Herrscherdynastien der Achämeniden und Sassaniden hatten in Fars ihren Ursprung, die gigantische antike Palastanlage Persepolis ist nur einen Steinwurf von Shiraz entfernt und nach der Verwüstung der Stätte durch Alexander den Großen wurde Shiraz zum kulturellen Zentrum Persiens.
Und wer einmal nach Shiraz kommt, der besucht natürlich neben der Freitagsmoschee und den kunstvoll angelegten Gärten die Grabmäler der wohl berühmtesten Söhne von Shiraz, der Dichter und Mystiker Saadi und Hafez.
Befindet sich der Steinsarg des 1292 verstorbenen Saadi in einem hochgezogenen Kuppelbau mit schlanken Säulen, der kaum Tageslicht einläßt, so ruht Hafez, der im 14. Jahrhundert wirkte, in einem lichtdurchfluteten Pavillon, umgeben von Bäumen und Blumen und Bänken, was zur großen Beliebtheit dieses Mausoleums beiträgt, hier wird gelesen und geplaudert, gebetet und rezitiert.
Und hier gesellte sich nun eine Gruppe Jugendlicher zu uns, alle ordentlich gekleidet, bei einem Mädchen lugte eine gefärbte Haarlocke keck unter dem Kopftuch hervor. Sie seien Studenten aus Shiraz, ob sie mit uns wohl ein bißchen Englisch sprechen üben dürften, und woher wir kämen.
„Ah, Austria, yes, home of Sigmund Freud and Stefan Zweig…“ meinte einer der Studenten.
Ich nickte anerkennend, obwohl ich mit diesen Namen jetzt nicht gerechnet hätte, aber ich sollte bald noch mehr staunen.
Die jungen Leute hier kannten nicht nur die Schriften ihrer persischen Poeten, auch Aristoteles, Shakespeare, Kant und Nietzsche waren ihnen vertraut und deren Werke im guten Buchladen erhältlich. Außerdem wüßten sie genau, was die westlichen Medien über den Iran berichten, und würden gerne einmal klarstellen, daß sie, die gebildeten jungen Leute des Iran mit dessen politischer Führung nichts gemeinsam hätten, nein, sie selbst litten genau so unter der Herrschaft der alten Männer mit den langen Bärten an der Regierungsspitze, und wählen, ja, demokratisch wählen könne man da immer nur das geringste Übel, aber nie ein Idol.
Sie, die iranischen Studenten fühlten sich verraten und vergessen von einer überalterten Elite, die in einer vergangenen Welt lebt. Und wenn ich wieder zurückkehre nach Österreich, so möge ich davon erzählen, daß im Iran genauso Jugendliche leben, die nichts anderes wollen, als auch jene Freiheiten zu genießen, die im Westen selbstverständlich sind und daß der aufgeklärte iranische Bürger nicht mit seiner engstirnigen Regierung alter Geistlicher gleichzusetzen ist. Wenn die Welt „Iran“ hört, so denke sie stets an die alten Männer mit den langen Bärten, aber auf die ambitionierte Jugend, die voller Tatendrang die Welt verändern möchte, werde immer vergessen.
© Siegi Kaml 2021-02-24