Als ich zum ersten Mal in Moskau war und mit leuchtenden Augen vor der majestätischen Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz stand, fühlte ich mich von einer überwältigenden Faszination ergriffen, als befände ich mich in einer völlig anderen Welt. Angesichts meines Herkunftshintergrunds hatte ich in diesem Moment das Gefühl, die einzige Albanerin in ganz Russland zu sein. Doch dann traf ich vor einigen Tagen auf der Arbeit Dima, der mir erzählte, dass er in Moskau albanische Verwandte habe. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs hatte ich in den Sozialbürgerhäusern Münchens als Dolmetscherin für die geflüchteten Menschen gearbeitet. Dima, selbst ein Flüchtling aus der Ukraine, erzählte mir, dass seine Mutter Ukrainerin und sein Vater Albaner war. Er stammte aus einem Dorf namens Karakurt, nahe Odessa, einem Ort, der von Albanern und anderen ethnischen Gruppen bewohnt wird – Menschen, die vor etwa 300 Jahren vor den Osmanen dorthin flohen, um ihren christlichen Glauben zu bewahren. Seit jener Zeit war ihre Verbindung zu Albanien nahezu gänzlich abgebrochen. Um uns besser austauschen zu können, lud ich ihn in einen kleinen Balkanimbiss ein, da er sich für die albanische Küche interessierte. Während wir auf das Essen am Tisch warteten, öffnete er sein dunkles Softgetränk, das er sich aus dem Kühlschrank genommen hatte und roch daran. „Dieser Geruch“, sagte er nachdenklich, „versetzt mich zurück in die sowjetische Zeit, als ich noch ein Kind war. Genau so roch das Softgetränk, das es damals gab. Für mich ist das der Geruch der Sowjetunion. Es schmeckte ähnlich wie eine Limo, nur viel natürlicher.“ Ich lächelte und sagte ihm: „Du erinnerst mich gerade an meine Eltern, wenn sie wieder einmal von einer Limonade aus den jugoslawischen Zeiten schwärmen. Ich glaube, das Getränk hieß Jupi.” „Ja, genau!”, fiel mir Dima enthusiastisch ins Wort. „Bei uns hieß es auch Jupi. Als die Sowjetunion zerfiel, kamen dann die ganzen künstlich verarbeiteten Getränke”, fügte er mit einem bitteren Unterton hinzu. „Es ist schon interessant”, sagte ich, „damals haben viele Menschen in den sozialistischen Ländern von einer Zukunft in Freiheit und Frieden geträumt. Wer von Ihnen hätte damit gerechnet, dass im 21. Jahrhundert wieder politisch instabile und kriegerische Zeiten anbrechen würden und man dann aufgrund eines einfachen Getränks wieder in alten Zeiten schwelgen würde, als es noch Jupi gab.” Dima lächelte und nickte zustimmend: „Und genau deswegen muss man sich 365 Mal im Jahr unabhängig von den Umständen freuen und das Leben genießen, denn man weiß nie, was morgen kommt. Die kleinen schönen Momente im Leben wiederholen sich für gewöhnlich nicht ein zweites Mal.”
© Aulona Demolli 2023-06-20