Sie blickte durch das beschlagene Fenster, ihre verträumten Augen folgten den Regentropfen wie sie kleine Flüsse bildeten.
Gestern hatte sie sich so sehr nach Sonne gesehnt, heute war ihr der Regen recht. Vielleicht, dachte sie, regnet es, damit die Menschen innehalten, damit sie Gedanken erlauben und ihnen nicht mehr ausweichen können.
Ein Räuspern riss sie aus den Gedanken.
„Entschuldigung, ich dachte doch du bist es! Meine Güte, wie lange ist es her. Wie verrückt das Leben doch spielt, dass wir uns gerade hier treffen.“
Ein viel zu begeisterter Mann, Ende 30 stand vor ihr und wartete nun mit großen Augen auf ihre Reaktion. Ja, wahrhaftig, dass sie in diesen kleinen verregneten Café in Howth aufeinander treffen würden, hätten beide nicht erwartet. Dennoch stand er nun vor ihr und wartete.
Ihr Blick fiel auf seine Ringe: Groß waren sie und silbern. Früher mochte sie solchen Schmuck gerne. Er erinnerte sie an die Märkte in Lissabon, die sie so gerne besucht hatte.
Kleine silberne Ringe an ihren eigenen Fingern erinnerten sie heute daran, dass sie Teil davon gewesen war. Die Märkte strahlten stets Kreativität und Zeit aus. Dies hatte sie des Öfteren dazu angehalten, eine Weile zu verweilen und dem Treiben zu folgen. Zeit, ja Zeit hatte sie damals gehabt. Hatte sie diese denn heute nicht mehr?
Doch, dachte sie sich, aber heute ist sie anders. Sie ist schwerer und wie ein nebliger Schleier, der lähmt.
„Hallo“, drängt sie sich zu murmeln, „Verrückt ist das gewiss. Wie geht es dir?“
„Ach, meistens gut. Ich habe geheiratet. Kannst du dir das vorstellen? Naja, du warst ja nie begeistert von der Ehe. Wir haben Kinder, zwei.“
Sein Blick schweift aus dem Fenster, fast verschämt.
„Du siehst gut aus“, murmelt er, den Blick immer noch in den Regen gerichtet.
Sie schweigt, folgt seinem Blick. Wieso war er in Dublin? Irland war doch immer ihr Ort der Ruhe gewesen. Hätte sie gewusst, dass sie heute hier auf ihn treffen würde, na vermutlich hätte das rein gar nichts geändert, musste sie sich eingestehen. Generell geschehen die Dinge alle einfach so. Sie folgen keinem Muster, keiner Logik. Sie lenken das Leben und ziehen in ihren Bann. Sie entscheiden und wir lassen geschehen. Früher hatte sie das fasziniert, heute nahm es ihr die noch restliche Kraft.
© Annikki Kaiser 2024-08-31