Leben am Zentralfriedhof
Man sieht ihn kaum mehr in freier Wildbahn, denn er ist das am meisten gefährdete Tier Österreichs: der Feldhamster. Vor nicht allzu langer Zeit allerdings ist mir doch wieder einer begegnet; völlig ungeniert saß er mitten in der Wiese, beim 3. Tor des Wiener Zentralfriedhofes, im “Park der Ruhe und Kraft”; grade so, als wollte er eben diese tanken.
Ich bin übrigens gerne am Zentralfriedhof. Im April besuche ich meist meinen Vater, im Juli meine Schwester. – Das heißt, ich lege eine Blume an der Gedenkstätte nieder und zünde eine Kerze an. Und ich nütze die Gelegenheit für einen ausgedehnten Spaziergang.
Ich bin nämlich ein Friedhofsfan. Egal wo ich hinkomme, ich muss den lokalen Friedhof sehen. Grabkreuze und Steine, große und kleine, neue und alte, mit ihren Inschriften, üben eine besondere Faszination auf mich aus. Und es sind nicht nur die berühmten Friedhöfe, die jeder kennt, wie Pere Lachaise in Paris, Glendalough in Irland, der fröhliche Friedhof von Maramures oder auch St. Marx in Wien. Auch auf so manchem kleinen Dorffriedhof kann man mitunter gar wundersames entdecken.
Unser Zentralfriedhof hat allerdings schon eine ganz besondere Stellung unter den Friedhöfen. Mit einer Fläche von 2,5 km² und etwa 330 000 Grabstätten zählt er zu den größten Europas, man kann stundenlang spazieren gehen und entdeckt immer wieder etwas Neues. Architektonische Kleinode sind zu bewundern, wie z. B. die Karl-Borromäus-Kirche, die Alten Arkaden oder die Feuerhalle Simmering nach Plänen von Clemens Holzmeister. Aber der Friedhof bietet auch vielen bedrohten Tierarten einen gut geschützten Lebensraum. Im Naturgarten bei Tor 9 genießen neben Igel und Dachs auch Rehe und Füchse, Frösche und Kröten, Singvögel, Bienen und andere Insekten den Frieden zwischen den Gräbern. Am Kirchendach nisten Turmfalken, angeblich haben auch Steinmarder und Waldkauze hier Unterschlupf gefunden. Eichhörnchen tummeln sich auf den Bäumen, Hasen hoppeln über die Wiesen.
Und manchmal begegnet man auch einem Feldhamster!
© renate schiansky 2020-06-24