by Brenda Wilke
Das Leben ist voller erster Male. Das Leben ist aber auch voller letzter Male. Letzte Male passieren oft, ohne das wir uns ihnen bewusst sind. Das unterscheidet sie von ersten Malen. Oftmals merken wir erst viel später, Jahre später, dass etwas zum letzten Mal stattgefunden hat. Manchmal weiß man aber auch schon vorher um ein bevorstehendes letztes Mal Bescheid. Und egal, wie sehr man dann auch versucht, sich darauf vorzubereiten, es gelingt nie. Wie sollte man sich auch darauf vorbereiten? Auf die Emotionen, den Schmerz, manchmal aber auch die Freude, die einen beim letzten Mal überkommt. Ich habe mal gelesen, dass man sich angewöhnen sollte, jeden Moment so zu leben, als passiere er zum letzten Mal. Damit man ihn intensiver wahrnimmt. Denn schließlich wisse man nie, wann etwas zum letzten Mal passiert. Vielleicht wird man die Person nie wiedersehen, nie wieder die Straße entlanglaufen, nie wieder im Meer schwimmen, nie wieder in seinem Kinderzimmer schlafen, oder nie wieder seine Eltern umarmen.
Ich habe dieses Jahr viele erste und viele letzte Male erlebt. Die ersten Male waren oft sehr schön und aufregend, die letzten Male meist traurig und schmerzhaft. Ich habe mich von Menschen verabschiedet, einige werde ich vermutlich nie wiedersehen. So ist das, wenn man für eine längere Zeit an einem anderen Ort lebt. Irgendwann kommt der Abschied, von dem Ort, von den Menschen, von dem Lebensabschnitt.
Ich verabschiedete mich von Alex. Ein letzter Kuss, eine letzte Umarmung, ein letztes Loslassen unserer Hände. Ein letzter Blick in seine Augen. Ein letztes Mal den Fahrstuhl nach unten nehmen, ein letztes Mal aus seiner Haustür gehen, ein letztes Mal den Bus von ihm nach Hause nehmen. Taubheit. Leere.
Der Tag meiner Abreise rückte näher, drei meiner vier MitbewohnerInnen waren bereits abgereist. Wir hatten sie zur Metrostation gebracht. Geweint. Das Ende fühlte sich mit jedem Abschied realer an. Ich versuchte mir Straßen, Gebäude, Stimmen, Gerüche, Empfindungen einzuspeichern. Sie in meiner Erinnerung zu konservieren.
Ein letzter Gang durchs Haus, ein letzter Blick in mein Zimmer. Ich schritt über die Schwelle unserer Haustür, verabschiedete mich vom Haus, in dem ich die letzten fünf Monate gelebt hatte. Ich verabschiedete mich von den Straßen, die ich so oft langgelaufen war. Ich erinnerte mich noch genau, wie ich vor fünf Monaten genau entgegengesetzt zu meinem neuen zu Hause gelaufen war und alles mit einem frischen Blick wahrgenommen hatte. Es gab noch keine bekannten Wege, noch keine Erinnerungen an diesen Ort. Ich lief zur Metrostation, an der ich unzählige Male auf die Bahn gewartet hatte. Auf der anderen Seite war ich damals angekommen. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie ich damals ausgestiegen bin, ich war aufgeregt und wusste nicht, was mich erwartet. Zwischen dem ersten und dem letzten Mal an dieser Metrostation ist ein Leben vergangen. Vieles ist passiert. Die leeren Seiten sind nicht länger leer.
Meine Geschichte endet hier und heute, an dem Ort, wo sie vor ein paar Monaten mit einem ersten Mal begonnen hat, und wo sie heute mit einem letzten Mal endet.
© Brenda Wilke 2023-09-29