Mama sein und was noch?

Annika Herda

by Annika Herda

Story
Oberösterreich 2023 – 2024

Mutter sein, Frau bleiben. Man hört es immer, dennoch ist es leichter gesagt als getan. Irgendwo zwischen Kackwindeln, erfolglosen Diäten, weil alle anderen Mädels elf Minuten nach der Geburt wieder rank und schlank sind und dem Versuch das Kind pädagogisch wertvoll und bedürfnisorientiert groß zu ziehen, liegt der recht simple Wunsch nicht verrückt zu werden. Die Sehnsucht danach, sich wieder ein bisschen wie der Mensch zu fühlen der man einst war – sorglos, jung und spontan (ha, spontan, als ob ich das vorher gewesen wäre) – und die irrwitzige neue Realität “Mutter-Sein” lassen sich oft schwieriger vereinbaren, als einem lieb ist.

Es sind nicht die mangelnden Freiräume oder die wenige Zeit die einen strugglen lassen. Hat Frau sich einen halbwegs vernünftigen Partner für die Fortpflanzung gesucht, oder wie in meinem Fall: war Frau zu doof entsprechende Verhütungsmaßnahmen nach einer Flasche Wein zu treffen und hat das große Glück, dass der Typ sich als Lotto-Sechser entpuppt, so sollte rein theoretisch immer ein bisschen Zeit für Selbstverwirklichung, Me-Time oder wie auch immer man es nennen mag, sein. Das Problem sind eher die Mauern im Kopf. Die Grenzen die man sich selbst setzt.

Schafft man es denn dann wirklich mal, sich in einen BH mit Bügeln zu zwängen und verspürt ein ultimatives High, weil die alte Jeans zwar spannt, aber nicht so sehr, dass man Angst haben müsse, jemand im Umkreis würde durch einen explodierenden Knopf ein Auge verlieren, so kann man dennoch nicht da anknüpfen, wo man vor der Schwangerschaft aufgehört hat.

Ich kann es zumindest nicht. Vielleicht gibt es Ausnahmen. Gelingt es mir zwar den Abend durchzuhalten, ohne Babyfotos herzuzeigen, so kommt unweigerlich irgendwann die Sprache auf den Nachwuchs. Wie sollte es auch anders sein? Der Alltag wird jetzt nun mal von einer kleinen Diktatorin bestimmt, die einen bis zur absoluten Belastungsgrenze terrorisiert und es dennoch hinbekommt, den Wunsch nach einem weiteren Baby in einem auszulösen, weil sie so zuckersüß ist, wenn sie mit ihren Stofftieren kuschelt.

Bin ich nach 13 Monaten zwar mental zumindest so weit, dass ich nicht mehr empört darüber bin, dass sich die Welt ganz normal weiter gedreht hat, obwohl ich das bezauberndste, schönste, süßeste und anstrengendste Baby aller Zeiten bekommen habe, so bin ich nach wie vor nicht ich selbst. Oder der Mensch, der ich vor der Mutterschaft war. Es stimmt halt, was alle sagen. Die Prioritäten ändern sich. Dinge die einst unendlich wichtig erschienen, sind plötzlich belanglos. Anderes, wie der Frust über die Speckröllchen, ändert sich vielleicht nie.

Aber wer ist man denn eigentlich? Ist man nicht immer der Mensch der man gerade ist? Vielleicht sollte man anstatt “Mutter sein, Frau bleiben” lieber versuchen die Wellen zu nehmen wie sie kommen. Statt Energie darin zu investieren, etwas hinterherzujagen, was man einst war, die Situation nutzen wie sie gerade ist. Das Motto wird dann eher zu “Mutter sein und alles andere was einem wichtig ist, auch”.Eine vielleicht etwas sperrige Affirmation, jedoch eine, mit der ich mich deutlich besser identifizieren kann.

© Annika Herda 2024-08-31

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Novels & Stories
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