Marie – Freund Steve

Franz Kellner

by Franz Kellner

Story
Wien – Österreich

Letzte Nacht hatte ich einen komischen Traum und mein Unterbewusstsein sagte mir: Darüber musst du auch schreiben. Es war kurz nach meiner Gebärmutter Operation in 1985. Ich wohnte bereits bei Fritz Meier. Fritz erhielt Besuch von einem Jugendfreund, welcher Stefan Maier hieß. Er war bereits in jungen Jahren mit seinen Eltern nach Australien ausgewandert, weil sein Vater Jude war. Er studierte dort und hat mehrere Titel. Zuerst war er Lehrer, dann Doktor und danach hatte er noch einen Professorentitel. Er nannte sich Steve und hatte größere Probleme mit seiner Frau und seinem Sohn in Australien.
Er bekam Magenkrebs und die Hälfte seines Magens wurde wegoperiert. Deswegen nahm er sich ein Jahr lang eine Auszeit zum Nachdenken. Als er zu uns kam, war ich noch im Krankenstand. Er war damals für mich der liebenswürdigste Mann auf der ganzen Welt. Weil Monika, die Tochter von Fritz, keine Rücksicht auf mich nahm. Für sie war nur wichtig, dass sie rechtzeitig etwas zum Essen am Tisch hatte. Steve kam oft und begleitete mich beim Einkaufen. Er trug immer meine Einkaufstaschen, wenn sie zu schwer für mich waren und half mir beim Kochen. Er wohnte aber nicht bei uns. Wenn er sah, dass Monika mich garstig behandelte, tröstete er mich. Damals begann ich bei der Firma Martinek als Verkäuferin zu arbeiten. Steve holte mich fast täglich, wenn ich abends von der Arbeit mit dem Bus nach Hause kam, bei der Busstation ab und half mir beim Tragen. Er war immer da, wenn ich Hilfe brauchte.
Ich wünschte mir von ganzem Herzen, so einen Mann fürs Leben zu haben. Er war ein so einfühlsamer und liebevoller Mann, wie man ihn selten findet. Als einmal ein Linienbus, welcher bei uns in der Rosenhügelstraße fuhr, einen Defekt hatte, läutete der Fahrer an und bat Steve um Hilfe, weil er nicht mehr weiterfahren konnte. Steve konnte ihm mit einem Werkzeug helfen und nach kurzer Zeit konnte der Busfahrer weiterfahren.
Steve meinte, dass er sich so eine tüchtige und fleißige Frau wie mich auch in Australien gewünscht hätte. Seine Frau hatte seinen Sohn leider so erzogen, dass er zu nichts taugte. Zu Silvester fuhr ich mit Steve in einem Bus für fünf Tage nach Abbazia in Kroatien, damit wir dort gemeinsam Silvester verbringen konnten. Das waren die fünf schönsten Tage, welche ich damals erlebte. Wir gingen viel gemeinsam spazieren. Zu Silvester, als ich mit Steve tanzte, hielt er mich so fest, um mir zu zeigen, dass er mich auch liebt. Nur waren wir ja beide gebunden und wussten, dass es für uns keine gemeinsame Zukunft gab. Trotzdem genoss ich die Zeit mit ihm zusammen.
So kam der Tag, an welchem Steve wieder nach Australien fliegen musste, weil sein Jahr Auszeit zu Ende war. Am letzten Abend, einem Sonntag, wollte ich ihm einen besonderen Abschied schenken, um mit ihm auf unsere Zukunft anzustoßen. Leider hatte ich weder Sekt noch Wein zu Hause. Genau in dieser Minute läutete es an der Türe und der Busfahrer, welchem Steve einst half, brachte eine kalte Flasche Sekt zum Dank. So wurde es ein schöner, unvergesslicher Abschied. Wir schrieben uns danach noch viele Jahre. Er war immer besorgt um mich. Als ich ihm schrieb, dass ich wieder heirate, wünschte er mir alles Glück der Welt. Wenn ich mich zurücklehne und die Augen schließe, sehe ich Steve vor mir, wie er mir zuwinkt, bevor er für immer von mir ging.
Foto: Marie + Steve in Abbazia

© Franz Kellner 2025-08-18

Genres
Biographies
Moods
Abenteuerlich, Emotional, Inspirierend
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