by Nina Burian
“Liebes Ămchen, tut mir leid, dass ich so ekelhaft zu dir war. Verzeihst du mir!?” schrieb ich mit krakeliger Schrift auf ein Blatt Papier, darunter malte ich 3 KĂ€stchen mit ‘Ja, Nein, Vielleicht’. Sie machte natĂŒrlich ein Kreuz bei ‘Ja’ und freute sich, ĂŒber ihren besonderen Spitznamen. ‘Ămchen’, das war nur fĂŒr sie reserviert.
Als Kind habe ich oft bei ihr ĂŒbernachtet und jeden Besuch gab es die gleiche Litanei. “Ămchen, erzĂ€hlst du mir von der Fliege Schlimpsi?” Die Abenteuer der rotzfrechen Fliege (ein Schelm, wer an ein freches Enkelkind als Vorlage denkt) umfassten Dinge wie Scheibenkletter-Unterricht schwĂ€nzen und in Honig kleben bleiben.
“Ămchen, streichelst du mir den Kopf?” Oma hatte so lange, gepflegte FingernĂ€gel, die sich wunderbar anfĂŒhlten. Am liebsten hatte ich es, wenn sie mein Haar hinters Ohr strich.
Oma erfĂŒllte ihren Part stets anstandslos, aber ich musste eine Gegenleistung erbringen: ich musste beten.
Auf einem Sessel saĂ sie neben mir und ĂŒberwachte mich streng. Selbst der Teufel wĂŒrde unter diesem Blick brav seine HausĂŒbungen machen (in Schönschrift bitte!). Mir machte das nichts aus, denn bei ihr fĂŒhlte ich mich geborgen. Auch wenn in meiner Welt Chaos herrschte, sie war mein Fels in der Brandung.
Ich presse also meine HĂ€nde zusammen: “Ich wĂŒnsche mir ein Polly Pocket, das Buch mit Geschichten vom Franz und eine FĂŒllfeder.”
“Nein, Ninotschka!” empörte sich Ămchen. “Man betet nicht um Sachen, die man haben will.” sie hatte wirklich ihren Zeigefinger erhoben. Ich zog die Decke bis zur Nasenspitze und flĂŒsterte: “Aber wie macht man es richtig?” – “Man sagt, wofĂŒr man dankbar ist. Du sagst zB. Lieber Gott, danke, dass ich gesund bin. So etwas. Los, noch einmal!”
Brav schlug ich das Kreuz und sagte: “Lieber Gott, danke, dass Mama und Papa gesund sind und dass ich zum Geburtstag die Jolly Stifte bekommen habe.” Ich lugte verstohlen zu ihr: “Und danke, dass ich so ein tolles Ămchen habe.” Ămchen lĂ€chelte und drĂŒckte leicht meinen Arm als Zeichen des Wohlwollens.
Ich bin nie religiös geworden, doch das Mantra der Dankbarkeit begleitete mich mein Leben lang. Immer, wenn ich mich in den dunkelsten Gefilden bewegte, meine Lage aussichtslos schien und ich verzweifelt war, zĂ€hlte ich mindestens 3 Dinge auf, fĂŒr die ich dankbar war. Das Ă€nderte nach und nach meinen Blick auf die Welt zum Positiven hin. Nun nehme ich die kleinen Dinge wahr. Das satte GrĂŒn des Waldes, ein LĂ€cheln von einer Fremden auf der StraĂe oder die Sonne, die mich auf der Nasenspitze kitzelt. Diese Momente sammle ich in meinem imaginĂ€ren Dankbarkeitsbuch und wenn ich es aufschlage, wird die Welt ein hellerer Ort.
Wenn du von einer Krise betroffen bist, halte dir vor Augen, wofĂŒr du dankbar bist. Ich verspreche dir, alles wird von Tag fĂŒr Tag ein bisschen leichter.
Wenn ich heute dasitze, die Augen schlieĂe und mir bewusst mache, wofĂŒr ich dankbar bin, spĂŒre ich einen sanften Hauch auf meinem Arm und weiĂ, mein Ămchen sitzt da und nickt mir wohlwollend zu
© Nina Burian 2020-06-08